Dringendes Facelifting

20. Mai 2005, 10:15
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Zagreb nimmt Abschied vom rußgrauen Aschenputtelkleid der kommunistischen Ära.

Zagreb macht sich auf den Weg zur europäischen Kultur-Metropole Kaisergelb, Bonbonrosa, Himmelblau: Das Fassaden-Make-up fällt ins Auge. An mehr als 300 historischen Gebäuden seiner Innenstadt probt Zagreb seit dem Ende des jugoslawischen Krieges und der Unabhängigkeit Kroatiens den Abschied vom rußgrauen Aschenputtelkleid der kommunistischen Ära. Und hinter den gelifteten Mauern pulsiert vielerorts auch neues Leben: Bistros, Bars, Cafés, Designer-Boutiquen, Theaterbühnen, Galerien und Musikkneipen haben Einzug gehalten;

Museen präsentieren ein zum Teil radikal modernisiertes Ausstellungskonzept. „Seht her“, scheint die alte, in mehr als neun Jahrhunderten von den Hügeln Gradec und Kaptol in die Ebene des Save-Flusses hinunter gewachsene, deutlich habsburgisch geprägte Stadt sagen zu wollen. „Ich bin eine junge, lebenslustige, genußfreudige, kunstvolle europäische Metropole.“

Damit dieses Selbstverständnis auch bekannt werde, hat sich Zagreb den „Art Cities in Europe“ angeschlossen. Gemeinsam versuchen diese derzeit 43 Städte den individuellen, kunst- und kulturmotivierten Städtetourismus zu stärken. Sie bauen ein Netz für Informations- und Erfahrungsaustausch auf. Ihr Kulturangebot vermarktet ein Sammelkatalog. In Zagreb zählen zu diesem Angebot 1998 u. a. das Internationale Zeichentrickfilm-Festival, das Internationale Jazz-Festival, das Europäische Festival für Avantgardistisches Theater und das traditionelle Folklorefestival mit Musikgruppen aus mehr als vierzig Ländern der Welt.

Im architektonischen Bild Zagrebs haben die blutigen Auseinandersetzungen kaum Narben hinterlassen. Die Frontlinie verlief 40km südlich. Nur zweimal verzeichnet die Chronik serbische Angriffe auch auf die Stadt. Einer überraschte sie im Mai 1995. Von den sechs Splitterbomben traf eine damals das Kinderkrankenhaus. Eine andere riß ein Loch ins Dach des Nationaltheaters.

Optisch sind die Bombenschäden längst behoben. Die Gedächtniswunden der Bevölkerung indes heilen nur langsam. Eher sehr zögerlich gewöhnen sich die Menschen auch an die veränderten Lebensumstände. Kapitalistische Marktwirtschaft ist nicht jedermanns Sache. „Wir haben alles hier in Zagreb, aber wir können es nicht bezahlen,“ klagt eine junge Frau. Viele Zagreber fahren sogar zum Kauf von Lebensmitteln ins nahe Slowenien. Auch Elektrogeräte und modische Kleidung sind teuer in der jungen kroatischen Metropole. So drängen zwar nach Feierabend dichte Menschentrauben vor dem Bahnhof hinab in die erst kürzlich eröffnete unterirdische Shopping-Mall. Wie in der schönen alten Oktogon-Passage, wo ein edles neues Schlips- und Tüchergeschäft mit geschickt gestyltem Namenszug daran erinnert, daß das Wort Krawatte von der Bezeichnung Kroate abgeleitet ist, sind die Mall-Käufer aber meist Fremde.

Sie arbeiten für eine der erst kürzlich eröffneten Niederlassungen ausländischer Firmen, Banken oder in Botschaften. Oder nächtigen als Geschäftsreisende hinter der prunkvollen Fassade des über der Mall liegenden Esplanade-Hotels, wo der Gast in einem einfachen, modern möblierten Doppelzimmer 1400 Kuna pro Übernachtung zahlt. Der restaurierte Art-deco-Charme in Halle, Saal und Restaurant und die Plakette „Leading Hotels of the World“ haben eben ihren Preis. Außerdem sind Hotelbetten noch rar in Zagreb. 5000 bietet die junge kroatische Metropole zur Zeit. Mehr als die Hälfte von ihnen findet sich jedoch in Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. Kleinere Häuser mit Drei-Sterne-Komfort sucht man vergebens. Wie man überhaupt mit der „Besternung“ vorsichtig sein muß, denn eine offizielle Kategorisierung steht noch aus. (Der Standard, Printausgabe)

Von Rita Henss
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