"Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr...": Willkommen im Familiengefängnis

26. März 2005, 23:02
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Wie ist es, wenn man alles hat, aber alles nicht zusammenpasst? Valeria Bruni-Tedeschis "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr ..."

Wie ist es, wenn man alles hat, aber alles nicht zusammenpasst? In ihrem ersten selbst inszenierten, autobiografisch motivierten Film "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr ..." stolpert Valeria Bruni-Tedeschi durchaus komisch durch Erinnerungen und Krisen.


Eine junge Frau, die permanent alles daransetzt, einem Priester die Beichte abzulegen. Ihre Schuld, sie bekennt sie stockend und bereitwillig zugleich: Sie ist reich, sehr reich. Später: Dieselbe Frau, die - verwirrt und entzückt zugleich - in einem eleganten Sportwagen kommunistische Kampfgesänge intoniert. Ihr Vater im Sterbebett. Erinnerungen an eine Kindheit in Italien. Zunehmend eskalierende Streitgespräche mit ihrer Schwester (Chiara Mastroianni), die alles und jedes gegen sich und damit als Thema für die nächste Psychotherapie geeignet sieht . . .

"Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt", heißt es im Matthäus-Evangelium. Wer diesen Satz auf sich selbst bezieht und ihn gleichzeitig beim Wort nimmt, riskiert aber "komische", auch komödiantische Bilder - und so ist es kein Wunder, dass die Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi, berühmt geworden in Inszenierungen von Patrice Chéreau oder Mimmo Calopresti, in ihrem ersten eigenen Film sehr bewusst manchmal ein wenig töricht wirkt: Einmal versucht sie - wenn auch lediglich in einer Zeichentricksequenz - das sprichwörtliche Kamel tatsächlich durch eine Öse zu zwingen, als gäbe es keinen Um- und Ausweg, und wäre da nicht diese ratlose Trauer in ihrem Gesicht - man könnte meinen, sie versuche, sich als Slapstickkomödiantin zu etablieren.

Reiche Emigranten . . .

Tatsächlich: Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr ..." ist ein durchaus komischer Film geworden. Dennoch muss sich Bruni-Tedeschi gegenwärtig, wenn sie über ihn erzählt, durchwegs Fragen nach möglichen privaten Traumata stellen. Sie sagt dann Dinge wie: "In diesem Fall wanderte eine reiche Familie aus. Aber Emigration bleibt Emigration." Und die Rede ist, natürlich, von ihrer eigenen Kindheit. Einer Familie, die nicht zuletzt wegen der zuletzt höchst erfolgreichen Musikkarriere von Valerias Schwester, dem Exmodel Carla Bruni (Quelqu'un m'a dit), immer wieder Tagesgespräch war.

Der Vater: Alberto Bruni-Tedeschi, Industriemagnat und zugleich einer der führenden Komponisten Italiens. Die Mutter: erfolgreiche Konzertpianistin. Anfang der 70er-Jahre zogen sie um nach Paris, aus Angst vor den damals in Zeiten der Roten Brigaden permanent drohenden Entführungen. "Man glaubt, das Paradies verloren zu haben, fühlt sich nicht mehr sicher, sehr einschneidend für ein Kind", sagt Valeria Bruni-Tedeschi in Interviews. Und dann erzählt sie, wie sehr der schützende Kokon einer Familie unter solchen Umständen zum "Gefängnis", der Vater zum Übervater werden kann.

Traum-Tagebuch

Aber, wie so oft: Man sollte die Autorin nur bedingt mit ihrer Heldin verwechseln. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr ..." gibt sich weniger als Schlüsselerzählung denn als Traum, in dem sich tagebuchartige Reminiszenzen mit kindlichem Fabulieren abwechseln. Ursprünglich, so Bruni Tedeschi in einem Gespräch mit dem STANDARD, habe dieser Film nur als Konvolut von erdachten und erinnerten Dialogen existiert: Erst mit der Koautorin Noémie Lvovsky habe sie zu einer Form gefunden, die erlaubt habe, von eigenen Befindlichkeiten durchaus abzusehen.

Es macht vor diesem Hintergrund durchaus Sinn, dass sich Bruni-Tedeschi im Film eine weitere Kindheitsgefangene zur Seite gestellt hat, die aber das Bild, das man sich von ihr mittlerweile gemacht hat, beherzt auf den Kopf stellt: Chiara Mastroianni, Tochter von Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni, bis dato eher als rehäugige Schüchterne besetzt, hatte bei den Dreharbeiten offenkundig diebische Freude daran, gegen lange Schatten aufzubegehren. Ähnlich wie Bruni-Tedeschi kennt sie ein Aufwachsen und manchmal auch Sichverlieren zwischen zwei Sprachen, dem Italienischen und dem Französischen.

Auch auf dieser Ebene entwickelt sich Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr ..." letztlich zu einer Variation über Leben und Leiden im Herzen Europas, einem "reichen" Kontinent, in dem alles möglich scheint und gleichzeitig nur sehr bedingt zusammenpasst. Die (Familien-)Geschichte, aus der Bruni-Tedeschis Figuren Kraft und Deckung beziehen, ist zugleich ihr Fluch. Die Instanzen, die sie befragen - etwa die Kirche - erklären sich nur noch bedingt als zuständig. Und die Liebe? Eher geht ein Kamel usw., als dass Bruni-Tedeschi sie nicht mitunter auch als Tortur beschreiben würde.

Eins sollte man vielleicht auch noch beachten, speziell in Österreich: Knapp 1,5 Millionen Euro hat dieser Film gekostet. Produzieren musste ihn übrigens der Portugiese Paulo Branco, weil man auch in Frankreichs ach so reicher Filmlandschaft kaum noch Risiken eingeht. Man stelle sich aber vor, dass zum Beispiel auch hierzulande so ein Film gemacht werden könnte - so lebendig und gleichzeitig offen, voller Erfahrung(en) und grandios konstruiert. Mit Verlaub: Es ist schwer vorstellbar. Und bis dahin gehen wir ins:
Gartenbau Kino, Wien.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.6.2004)

Von
Claus Philipp
  • Filmszene aus "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr ..."
    foto: gartenbaukino

    Filmszene aus "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr ..."

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