Wie im Märchen

12. August 2003, 15:51

Der Kosovo-Krieg hinterließ an Kroatiens Adria-Küste nur eine Spur: Gästerückgang.

Johanna Zugmann

Der Flug von Wien nach Split dauert nur eine Stunde und zehn Minuten. Auch die 15 Minuten Bustransfer nach Trogir, wo der Zwei-Mast-Motorsegler Adriatic Queen vor Anker lag, vergehen wie im Flug: Schwer mit Datteln behangene Palmen säumen die Straße, die kräftige Sonne taucht die Landschaft in sattes Gold, im Hafen glitzert azurblaues Meer. Welcome-Cocktail an Bord des schwimmenden Hotels: Auf einer Tafel sind dalmatinische Spezialitäten wie Prosciutto, Schafskäse, Oliven und Pfefferoni angerichtet. Eine junge Crew lauert darauf, Wünsche von den Augen abzulesen.

Weil Trogir, dessen Altstadtkern aus dem 13. Jahrhundert stammt, zu den schönsten Perlen der Adria zählt, hat es die UNESCO vor zwei Jahren zum Weltkultur-Erbe erklärt. Bekanntestes Aushängeschild des durch eine Brücke mit dem Festland verbundenen Stadtinselchens ist der dreischiffige Dom. Der Tisch im Restaurant am Hafen ist reich mit dem gedeckt, was sich im blitzsauberen Meer vor den Küsten tummelt: Tintenfische, Muscheln, Langusten und Zahnbrassen.

Wir gehen an Bord, verschlafen die nächtliche Ausfahrt aus dem Hafen und erwachen am nächsten Morgen vor einer märchenhaften Bucht: Es sind die Felsen vor Vis, aus den Geschichtsbüchern besser als Lissa bekannt. Hier trugen Österreicher und Italiener 1866 die berühmte Seeschlacht aus. Unter den Klippen verbirgt sich eine blaue Grotte, schöner als jene vor Capri, sagen zumindest die Einheimischen.

Mittags nimmt die Adriatic Queen Kurs auf die östlich gelegene Insel Korcula. 428 Jahre ist es her, dass die sarazenische Flotte das an Schönheit kaum zu überbietende Eiland angriff. Und zwar just zu einer Zeit als sich sämtliche wehrhaften Insulaner auf Fischfang befanden. Die daheimgebliebenen Alten, Frauen und Kinder machten sich erfolgreich an die Verteidigung, was der Insel urkundlich das Adjektiv "fidelissima" (sicher, fest) einbrachte. Heute wird der Abwehr des Islam in einem pittoresken Schwerttanz gedacht.

Nach einer weiteren Nacht an Bord liegt der Hafen von Hvar vor unserer Reeling. Vor 17 Jahren war hier scheinbar nichts außer dem Postamt und einer typisch kommunistischen Ausschank. Heute reiht sich ein gut besuchtes Straßencafe ans andere, die Plätze sind belebt, als handle es sich um italienische. Die Fassaden der zahlreichen Palastbauten, die vom einstigen Reichtum der Insel zeugen, sind auf Hochglanz poliert, ihre Tore offen: Über dem Arsenal findet sich eines der ältesten Theater Europas mit Baujahr 1612.

Haltet doch die Uhren an, hier ist noch so viel zu sehen und zu genießen! Ganz zu schweigen von Split, der Endstation unserer viertägigen Kreuzfahrt. "Die derzeitige Situation in Kroatien ist tragisch", analysiert ein Tourismus-Repräsentant die Folgen des serbisch-kroatischen Krieges, der an diesen Inseln - abgesehen vom aus Unwissenheit resultierenden Gästeschwund - spurlos vorbeizog.

© DER STANDARD, 8. Oktober 1999 Automatically processed by COMLAB NewsBench

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