Schweben über Seegraswiesen

20. Mai 2005, 10:14
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Eintauchen in die Schwerelosigkeit vor der Insel Pag.

Wer auf Pag kommt, kann mit Ruhe rechnen. Wenn sich die Fähre Richtung Festland mit gemächlichem Säuseln verabschiedet, dann mit ihr auch die zivilisatorische Geräuschkulisse. Die kroatische Insel an der dalmatinischen Küste läßt in ihrer Weitläufigkeit keinen Ort vermuten, der einem schnatternden Kirchplatz gleicht. Man hat ihn unwillkürlich gesucht. Auf 63 km Länge und 1,5 bis 10 km Breite will sich keine touristische Koordinate auftun. Und die Stimmen der 8000 Bewohner hat der Wind vertragen.

Die Bora, der aus dem Norden kommende Fallwind, hat aus der dem Festland zugeneigten Seite eine karge Mondlandschaft gezaubert, in der - auf ewigen Salbeihainen weidend - Schafe dann doch von der richtigen Hemisphäre zeugen. Das Meer liegt da, umschlingt die umliegenden kleinen Inselköpfe wie im Schlaf, um uns Reisende später für das Wagnis eines Traums aufzunehmen.

In Simuni, einem inmitten lieblicher Vegetation an der Westküste gelegenen Fischerdorf, wird selbst der Müßiggänger zum leisen Abenteurer. Das ruhige und klare Wasser erweist sich nämlich als Paradies für echte Taucher. In der kleinen Marina liegt eine von einer Gruppe Österreicher in Zusammenarbeit mit der dortigen Bevölkerung betriebene Tauchschule. Was international klingt, hat trotz der genüßlichen Verschlafenheit der Gegend auch solche Ansprüche. Auch nach Luc Bessons Film-Hommage an den Tiefenrausch, The Big Blue, kann man an Bord des Tauchbootes hemmungslos seinem Schnorchlerdasein frönen. Wir dürfen schlechte Sportler sein! Mit Kapitän Hugo und seinem Team tuckert man an Bord der Valentino der weichen Vormittagssonne entgegen, hinaus in die Inselwelt. Geradewegs zu auf Pohlib, die Leuchtturminsel. Der Anker fällt, und wir ihm nach. Stille. Der Kirchplatz ist fern.

Denn man schwebt über dem Dunkel einer Seegraswiese, die zu einer Steilwand abbricht. Ihre Klüfte sind Pforten zu versteckten Höhlen, in deren größter Hugo, diesmal der Hummer, zwischen Zylinderrosen und Krustenanemonen unbestimmte Wache hält. Wer sich über Weichkorallen und Gorgonienwäldern in die Schwerelosigkeit einüben will, muß tiefer gehen: zum Außenriff von Planik.

So viel Natur! Ja, doch muß man nur die Kurve kratzen und steht schon vor der Hochkultur, den römischen Ruinen. Diese muß man auf dieser kroatischen Insel ebenfalls mit Stahlflasche und Blei unter Wasser suchen, im kleinen Küstenort Caska. Und: Mitten in der Mondlandschaft steht mit einem Mal eine Renaissance-Basilika. Hier hat man schließlich den Kirchplatz gefunden, jenen von Pag, der gleichnamigen Hauptstadt. Dort wird auch geschnattert, aber irgendwie anders. (Der Standard, Printausgabe)

Von Margarete Affenzeller
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