Ein Spaßprogramm und Triumph mit "Carmen"

3. Juni 2004, 20:20
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Der Choreograf Nicolas Musin kritisiert das breit gestreute Angebot im Festspielhaus St. Pölten, in dem er ein sehr gelungenes neues Stück zeigt

St. Pölten - Das Programm des Festspielhauses St. Pölten für die kommende Spielsaison steht unter dem süffigen Motto "Happy Hours". Trotzdem wirkt Nicolas Musin, Chefchoreograf der hauseigenen abcdancecompany und Assistent des Intendanten Michael Birkmeyer, nicht gerade trunken vor Glück: "Alle gehen auf Nummer sicher. Ich will das Festspielhaus nicht schlechtmachen, aber es hat ein Konsumprogramm und sitzt in einer Marketingfalle."

Die von ihm geleitete Tanzcompany wird ab Herbst merklich zur Seite gedrängt. Nicht nur von Musikprogrammen mit volksnahen Titeln wie Ohrenschmaus, Neue Klangpracht oder Melodienseligkeit, sondern auch von Nostalgieknallern wie Kenneth MacMillans Mayerling mit dem Ungarischen Nationalballett oder Naschwerk aus der Exotikkiste wie dem Cloud Gate Dance Theatre aus Taiwan. Die von Musin forcierten Kooperationen der Company mit jüngeren Gastchoreografen - wie aktuell mit der "Punk-Ballerina" Karole Armitage - wurden eingeschränkt.

Die "Marketändelei" des Mutterhauses habe, so Musin, seiner Truppe einiges an Frische genommen. "Man verlangt von uns große Projekte, aber dann gibt es nur zwölf Tänzer. Was sollen wir machen, wenn zwei davon verletzt sind?" Sein Nussknacker ist mit einem Dutzend Tänzer krass unterbesetzt. "So werden wir nicht überleben! Die Company sollte größer und flexibler sein. Wir müssen etwas riskieren können. Kunstschaffen ist keine Sache des Marketings."

Der Choreograf arbeitet zurzeit an einer Interpretation von Kurt Weills Zaubernacht, die bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt und im Herbst in St. Pölten zu sehen sein wird. Für 2005 ist eine weitere neue Kreation geplant, Concierto Barrocco mit dem Venice Baroque Orchestra. "Ich habe gute Tänzer", sagt Musin, "aber wir müssen uns etwas hinsichtlich der Identität und Unabhängigkeit der Company überlegen." Daher will Musin jetzt zumindest seinen Traum von einem "intellektuellen Sparringpartner, einem Dramaturgen" verwirklichen.

Sein Intendant Michael Birkmeyer wiederum freut sich über wachsende Zuschauerzahlen: "Ich bin ein Feind von zu viel Theater, das die Menschen nicht erreicht. Zu einseitig, zu pseudointellektuell, zu abgehoben. Man sollte den Leuten etwas geben, was ihnen Spaß macht." Etwa die Zirkusshow Vivace.

Es gibt aber auch Konzerte von Patricia Kaas und Christina Branco. Oder Offenbachs Rheinnixen, Ligne de fuite von Philippe Genty sowie Neue Musik, darunter ein Violinkonzert der viel gerühmten koreanischen Komponistin Unsuk Chin.

Der Abend carmen/women, den sich Musin jetzt mit Armitage teilt, enthält eine Doppelüberraschung. Das Stück 10 poems der Starchoreografin zu György Ligetis Vertonung von Gedichten des ungarischen Poeten Sándor Weöres wirkt wider Erwarten bloß nett. Musins neue Choreografie Carmen dagegen verblüfft durch Schlüssigkeit, originelle Inszenierung und wunderbaren Tanz. Diese Arbeit ist definitiv zum späten Initialstück der Company geraten.

Nach mehreren eher flauen Versuchen abzuheben hat Musin sich und seine Truppe endlich auf internationalem Niveau. Der 21-jährige Maxime Lachaume ist ihm ein überzeugender Don José, Fernanda Diniz eine dämonische Carmen, Erika Bouvard eine ausdrucksvolle Micaela, und Yester Mulens García setzt sein komisches Talent blendend ein. Bei Armitages 10 poems sorgen Hanna Ahti und Georgette Sanchez für erweckende Momente.

Für die Saison 2004/05 plant das Festspielhaus bis dato keine Wiederaufführung von Carmen. Nach dieser glänzenden Uraufführung erweist sich das als Fehler. Würde Musin so weiterarbeiten, könnte St. Pölten bald auf eine so erstklassige Company für modernes Ballett verweisen, wie sie in Wien schon lange vergeblich gesucht wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2004)

Von Helmut Ploebst
  • Karl Schreiner und Erika Bouvard in "10 poems" der "Punk-Ballerina" Karole Armitage.
    foto: helmut lackinger

    Karl Schreiner und Erika Bouvard in "10 poems" der "Punk-Ballerina" Karole Armitage.

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