Ein Straßenkehrer namens Putin

7. Juni 2004, 18:30
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Starautor Viktor Jerofejew im Interview über russische Mentalitätswechsel und seinen Roman "Der gute Stalin"

Starautor Viktor Jerofejew rollt in seinem Roman "Der gute Stalin", erschienen im Berlin Verlag, die Zwangsherrschaft des Sowjetregimes als seine eigene Familiengeschichte auf. Im Gespräch mit Ronald Pohl erklärt er Mentalitätswechsel im russischen Selbstbild.


STANDARD: Sie selbst sind der heimliche Hauptdarsteller Ihres Romans "Der gute Stalin": Sie durchlaufen den Bildungs- und Entwicklungsroman eines verwöhnten, in Paris und Moskau aufwachsenden Kindes aus der Sowjetnomenklatura - um schließlich als Autor 1979 mit einer Untergrundanthologie einen Skandal loszutreten. Nach Lektüre Ihres autobiografischen Buches bleibt das Fazit: Den Starautor und Exdissidenten Jerofejew gibt es gar nicht! Er besteht aus den Vorurteilen, die über ihn kursieren, und lebt damit prächtig, oder?

Jerofejew: Sie fragen, ob ein Schriftsteller schon vor Beginn der Niederschrift eines Buches das Konzept dazu im Kopf hat - und dazu das moralische Fazit, das den Roman zusammenhält? Ein Autor weiß das nicht im Voraus - sonst wäre er kein wahrer Schriftsteller. Schreiben ist ein kreativer Prozess aus Nichts. Mein Buch ist eine reine Improvisation. Auf der anderen Seite gilt es festzuhalten: Dazu braucht man Talent! Die Güte eines Buches entscheidet sich nicht im Inhalt, sondern in der Intonation.

STANDARD: Sie wechseln aber ständig die Register.

Jerofejew: Kleine Schriftsteller schwimmen in einem Fluss, große Autoren in einem Meer. Ich weiß nicht, was ich bin. Ich ziehe das Meer dem Fluss aber unbedingt vor. Wenn ein Schriftsteller interessanter bleibt als das Buch, das er geschrieben hat, dann ist daraus nichts geworden. Der Autor Gogol ist doch wesentlich uninteressanter als sein Buch Die toten Seelen!

STANDARD: Aber Ihr Buch beruht doch auf der Geltung von Faktizität. Ihr Vater, von dem Sie sehr liebevoll erzählen, war der Französischdolmetscher Stalins. Der Popanz Stalin entzieht sich der Beschreibung - Ihr Vater, der reisefertige Diplomat mit all seinen Schwächen und Schrullen, bleibt übrig. Er überdauert sozusagen den Massenmörder und Diktator - denn er geht in die Literatur ein.

Jerofejew: Sie haben Recht: Stalin entzieht sich einfach jeder Analyse! Er ist gewissermaßen eine Fiktion: Wenn man eine Suppe kocht, braucht man unbedingt ein Stück Fleisch dazu. Man wirft es in den Kessel, damit eine kräftige Brühe entsteht. Stalin war das Stück Fleisch, damit ich meinen Roman kochen konnte.

STANDARD: Ein Suppenkonzentratwürfel?

Jerofejew: Wenn man diese Brühe trinkt, fragt man sich: Wie hat sich das Fleisch eigentlich in diesen Geschmack verwandelt? Ohne Stalin wäre die Suppe ganz anders.

STANDARD: Aber Sie stellen in Ihrem Roman Reflexionen über Stalin an. Er ist noch heute das Phantasma der russischen Gesellschaft - die ordnende Hand, der man für ihre treu sorgende Güte sogar die Verbrechen nachsieht.

Jerofejew: Alle Figuren in meinem Buch sind Phantasmen. Russland ist allerdings ein Märchen - und ein Märchen lässt sich nicht analysieren. Es ist die Suppe, mit der man einfach alles anstellt.

STANDARD: Sie schreiben, die Russen kennten keine Achtung vor dem Gesetz, vor der Unverbrüchlichkeit von Ordnung. Stalin erscheint hingegen als "Erlöser". Es fällt auf, dass auch Präsident Putin immer einen leidenden Zug um den Mundwinkel hat. Sind die Vertreter der russischen Zentralmacht denn diejenigen, die alles Schlechte auf sich nehmen?

Jerofejew: Die beiden muss man auseinander halten. In meinem Buch ist Stalin der russische Gott: Das 19. Jahrhundert schuf den russischen Gott. An seiner Schöpfung wirkten etwa Dostojewski und die Slawophilen mit. Wir sprechen wohlgemerkt nicht von einer Erlöserfigur, wie ein Mitteleuropäer sie verstehen würden: Er wurde von ihnen "geschaffen". Er kam - und hat sie schließlich aufgesucht. Er hat sich bloß nicht getraut, in Gestalt eines "Muschik", eines Bauern, zu erscheinen: mit einem Rasputin-Bart. Rasputin war jemand wie Johannes der Täufer. Stalin erschien daraufhin - und trug die Maske eines Georgiers, damit man ihn nicht gleich erkennt. Putin kam, um nach den Verheerungen durch den Gott die notwendigen Aufräumarbeiten zu leisten. Er ist ein Straßenkehrer.

STANDARD: Das geistige Russland wäre mit Putin also im Diesseits angekommen?

Jerofejew: Ein Straßenkehrer. Darum blickt er auch so müde und angeekelt. Er denkt: "Gott, was haben die für einen Dreck zurückgelassen!" Er schafft es auch nicht, alles wegzufegen. Immerhin war er durch denselben Gott vergiftet wie alle anderen. Ein Gott? Das ist er selbst mit keinem Zoll.

STANDARD: Würden Sie Präsident Putin also als Figur einer notwendigen, nachholenden Moderne beschreiben?

Jerofejew: Insoweit ein Straßenfeger überhaupt Ausdruck der Moderne ist - ja. Vielleicht ist er eine Automatikbürste: ein durchdrehendes Kehrgerät an der Unterseite eines Lastautos. Darin besteht seine wahre Aktualität.

STANDARD: Würden Sie die Europäer, die mit Sorge auf Russland blicken, vertrösten wollen? Muss man der Entwicklung Russlands einfach mehr Zeit einräumen?

Jerofejew: Kein Staat dieser Welt hat sich in 15 Jahren so grundlegend geändert - ja, der Westen muss sich gedulden. Man kann kein Gefängnis über Nacht in eine postindustrielle Fabrik umändern. Ein Gefängnis ist ein Gefängnis: Es riecht vorderhand nach Blut und nach Scheiße. Der Westen benimmt sich, so gesehen, öfter unschön. Arroganz und Hochmut sind bei uns in Russland sehr geläufig. Die Europäer stellen sich Russland als schmutzigstes Zimmer in ihrem Gesamtgebäude vor - also versuchen sie es blank zu polieren. Ich glaube nun grundsätzlich, dass Russland gar nicht zu Europa gehört. Es lebt nicht in diesem Haus. Russland hier einziehen zu lassen ist eine irrige Vorstellung: Es gehört nicht hierher, es wohnt hier gar nicht. Allerdings sollte man das wechselseitige Verständnis fördern. Und da geschieht viel zu wenig. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2004)

Zur Person

Viktor Jerofejew (57), Moskauer Sohn einer Diplomatenfamilie, fiel 1979 als Koautor der Samisdat-Anthologie "Metropol" beim Sowjetregime nachdrücklich in Ungnade: Sein Vater (Hauptheld seines neuen Romans) wurde daraufhin in Unehren von Wien nach Moskau zurückbeordert. Jerofejew hat sich als Kommentator Russlands auch als TV-Moderator einen Namen gemacht. Seine Romane heißen "Die Moskauer Schönheit" und "Das jüngste Gericht".

  •  Viktor Jerofejew:  "Der gute Stalin" (Berlin Verlag)
    foto: berlin verlag

    Viktor Jerofejew: "Der gute Stalin" (Berlin Verlag)

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