Europastunde mit Lehrer Schüssel

15. Dezember 2004, 18:12
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220 Schülerinnen und Schülern baten in St. Johann im Pongau Bundeskanzler Schüssel und Bildungsministerin Gehrer zum Thema "Europa" auf den heißen Stuhl

Ausrangierte Kochtöpfe, blaue Plastikkanister, rotbemalte Öltonnen und scheppernde Bratpfannen waren die Utensilien des Begrüßungskomitees für Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer.
Mit einer lautstarken, schweißtreibenden Trommelperformance eröffneten Schülerinnen und Schüler des BORG Bad Hofgastein Donnerstagvormittag die zweitägige Dialogveranstaltung "klasse:zukunft" in St. Johann im Pongau.

Eine Stimme ist zwei wert

Bevor die zentralen Ergebnisse der von Gehrer vor einem Jahr einberufenen Zukunftskommission präsentiert wurden, waren 220 Jugendliche aus Schulen in Salzburg, Oberösterreich und Niederösterreich am Wort. Schüssel und Gehrer saßen quasi am "heißen Stuhl" und wurden über die EU befragt.
HTL-Schüler Peter aus St. Pölten begehrte Auskunft, wie die Wahlbeteiligung bei der EU-Wahl erhöht werden könne. Schüssel gab den Verkäufer: "De facto habt ihr, wenn ihr zur Wahl geht, zwei Stimmen zu vergeben, wenn die Wahlbeteiligung nur bei 50 Prozent liegt. Diesmal zum Diskontpreis: Eine Stimme ist zwei wert. Gehen Sie hin!"

"Schule neu"

Gehrer konnte bei der Frage von Schülerin Sophie den Schwenk zur Zukunftskommission machen: Nein, die EU wolle "kein europäisches Bildungssystem" schaffen. Und genau darum seien die neuen Bildungsstandards so wichtig, um die Bildungsqualität vergleichbar zu halten. "Qualität" sei das wichtigste Thema, betonte Gehrer vor 360 Pädagogen, Eltern- und Schülervertretern sowie Politikern aller Couleurs. "Erstmals steht Output-Orientierung im Mittelpunkt, nicht Inputorientierung a la Lehrer, Sessel, Tische rein in die Schulen." Ein Qualitätsmemorandum soll Basis für den Bildungsplan 2010 sein.
Das Interesse an der "Schule neu" sei enorm gewesen, so Gehrer. Die virtuelle Diskussionsplattform hatte über eine halbe Million Zugriffe von 55.000 Personen, 15.000 kamen zu Veranstaltungen. Kernpunkte des einjährigen Nachdenkprozesses sind neben den Bildungsstandards die Entwicklung eines Frühwarnsystems, mit dem Kinder rechtzeitig (im ersten und nicht wie bisher im zweiten Halbjahr) und bedarfsgerecht Förderunterricht bekommen sollen. Zusätzlich wollen die Experten den Lehrberuf professionalisieren und stärken. Die Umwandlung der Pädagogischen Akademien in Hochschulen ist Bestandteil dieses Plans. Schulmanager, als welche die Direktoren künftig fungieren sollen, brauchen spezielle Schulungen. Das Ministerium will sich besonders der "Nahtstelle Kindergarten – Schule" annehmen.

Lehrer-Frustrationstief

Nach wie vor für heiße Debatten sorgt die Frage, wie das Sitzenbleiben reformiert wird. Dass es reformiert werden muss, ist unumstritten. Der Forderung der Zukunftskommission (Leitung: Erziehungswissenschafter Günter Haider) nach einem Recht auf Ganztagsbetreuung in der Pflichtschulzeit hält das Ministerium entgegen, bis 2006 die Nachmittagsbetreuung um 10.000 Plätze aufzustocken. Von der geplanten Personalhoheit für die Schulen seien im Moment vor allem die Lehrer, die Haider in einem "Frustrationstief" sieht, nicht begeistert. Im Kommissionsbericht wird trotzdem stehen.

Von Lisa Nimmervoll

Infos zur Veranstaltung

  • Artikelbild
    foto: www.klassezukunft.at
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