Genialer Chronist einer chaotischen Zeit

7. Juni 2004, 14:38
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Das Wiener Leopold Museum zeigt Francisco de Goyas vier vollständig erhaltene Radierfolgen in den jeweiligen Erstausgaben

"Los Caprichos", "Los Desastres de la Guerra", "La Tauromaquia" und "Los Disparates". Goyas Anfänge belegen die "Radierungen nach Velázquez".


Wien - Nicht nur, dass "Los Desastres de la Guerra" ohne Auftrag entstanden, Francisco de Goya verwahrte die Druckplatten für seinen Radierzyklus zur wahren, zur grauenhaften Natur des Menschen in seinem Haus. Erst 1863, nach 40 Jahren unter Verschluss und 45 Jahre nach Goyas Tod 1828, wurden seine "Reportagen" aus dem spanischen Unabhängigkeitskrieg in der Edition der Academia de San Fernando veröffentlicht.

Es wäre zu gefährlich gewesen, die Blätter, "aktuell" zu veröffentlichen. In diesem Werk gibt der Augenzeuge Goya aus der Distanz des Beobachters heraus jeden patriotischen Ansatz, Freund und Feind voneinander zu trennen, auf, stellt jeden Beteiligten zugleich als Opfer und als Täter dar. Goya wäre vermutlich der heiligen Inquisition anheim gefallen. Und davor hätte ihn kein auch noch so geschickter Schachzug bewahrt.

Bei "Los Caprichos" ist ihm ein solcher noch gelungen: Mit seinem ersten "freien" - ohne Auftrag von Krone, Adel oder Klerus entstandenen - Grafikzyklus von 80 Aquatinta-Radierungen eckte Goya schon gewaltig an. Nicht nur dass die Blätter den Menschen ohne Rücksicht auf Rang und Namen als zutiefst dummes, zügelloses und hässliches Wesen zeigen und ganz nebenbei den Adel des Schmarotzertums überführen, Goya gibt sich auch als selbstbestimmt zu erkennen, als Künstler, der aus eigener Motivation heraus schöpft.

Und: als Künstler, der nicht nach Aufträgen, sondern nach Käufern sucht. Goya beginnt sich selbst zu vermarkten, bewirbt per Inserat im Diario de Madrid am 6. Februar 1799 seine Caprichos mit folgenden Worten:

"Eine Sammlung von Drucken launiger Themen, erfunden und radiert von Don Francisco Goya. Da der Autor überzeugt ist, dass die Kritik der menschlichen Irrtümer und Laster (wiewohl sie der Redekunst und Dichtung vorbehalten zu sein scheint) auch Gegenstand der Malerei sein kann, hat er aus der Vielzahl der Absonderlichkeiten und Torheiten, die in jeder Gesellschaft von Bürgern alltäglich sind, und aus den üblichen Vorurteilen und Betrügereien, die durch Gewohnheit, Ignoranz oder Eigennutz gebilligt werden, für sein Werk diejenigen ausgewählt, die er für besonders geeignet hielt, ihm Stoff für das Lächerliche zu liefern und gleichzeitig die künstlerische Fantasie anzuregen."

Erste Interessenten meldeten sich in Gestalt der Vollstrecker der heiligen Inquisition. Und Goya antwortete mit dem strategisch wohl einzig richtigen Zug: Er schenkte alle noch verfügbaren Blätter der Auflage dem König - und rettete damit seinen Kopf. Die Serie befindet sich noch heute in der Sammlung Real Calcografia.

Prototyp Francisco de Goya gilt heute als Prototyp der Entwicklung vom Hofmaler zum Typus des individuellen Künstlers, der für sich bzw. den freien Markt produziert. Er verstand es, nicht nur seinen "Brotberuf" als Maler repräsentativer Porträts dahingehend auszureizen, als er "repräsentativ" einigermaßen mutig als "krass-naturalistisch" definierte - womit so mache Mitglieder der Familie Karls IV. sich im Bild plötzlich mit realem Wiedererkennungswert vorfanden -, er erlaubte sich auch private Visionen, brach mit den Konventionen seines Standes und tauschte biblische, historische oder liebliche Genreszenen gegen seine persönlichen Erfahrungen. Was beinhaltete, die Welt, wie er sie als krankheitsbedingt Gehörloser erlebte, auch als unwirtlichen Hort von Geiern, Hexen und Dämonen zu schildern.

Einer ganz anderen tödlichen Begegnung gilt Francisco de Goyas Zyklus "La Tauromaquia". Nach dem Ende des Krieges gegen Napoleon , zwischen 1814 und 1816, illustriert er die dramatischen Geschehnisse in der Arena. Goya zeigt ein Zeremoniell mit zwangsläufig tödlichem Ausgang, ein grausames Schauspiel, einzig dazu aufgeführt, Erregung zu provozieren. Ein fantastischer Stoff, voll Tragik und Grausamkeit. Material für den Künstler, um Dynamik zu studieren, Dramatik als forcierten Hell-Dunkel-Kontrast zu inszenieren, den Betrachter mit der Simulation gleißender Sonne unmittelbar ins Geschehen einzubinden. Auch diesen Zyklus bietet Goya im Diario de Madrid per Inserat (28. Oktober 1816) als Edition von 33 Drucken zum Kauf an.

Leihgeber der in Wien ausgestellten Erstausgaben von Goyas Zyklen ist das Stadtmuseum Oldenburg. Ein Haus, das auf die private Kunst- und Geschichtssammlung des Liebhabers und Mäzens Theodor Francksen zurückgeht.

Sammler Rudolf Leopold zu seiner Veranlassung, die Radierungen zu zeigen: "Von Goya gingen entscheidende Impulse aus. Realisten wie Symbolisten, Expressionisten wie Surrealisten beriefen sich auf seine Kunst. Besonders schön zu sehen ist sein Einfluss auf Alfred Kubin." (DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2004)

Von
Markus Mittringer

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leopoldmuseum.org
  • Das Wiener Leopold Museum zeigt in Kooperation mit dem Stadtmuseum Oldenburg: "Francisco de Goya - Aufklärer ohne Hoffnung". Die grafischen Zyklen Goyas sind geschlossen in den jeweiligen Erstausgaben zu sehen. Einschließlich des wohl berühmtesten Blattes (Nr. 43, Ausschnitt) aus den "Caprichos": "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer", entstanden 1797/98.
    foto: leopold museum

    Das Wiener Leopold Museum zeigt in Kooperation mit dem Stadtmuseum Oldenburg: "Francisco de Goya - Aufklärer ohne Hoffnung". Die grafischen Zyklen Goyas sind geschlossen in den jeweiligen Erstausgaben zu sehen. Einschließlich des wohl berühmtesten Blattes (Nr. 43, Ausschnitt) aus den "Caprichos": "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer", entstanden 1797/98.

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