Reifeprüfung am Douro

13. Mai 2005, 13:27
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Die Portweinanbaugebiete sollen zur Top-Touristendestination ausgebaut werden

Die gute Nachricht zuerst: Der heiße Sommer 2003 hat dem Portwein gut getan. Dirk van der Niepoort würde sich wundern, wenn die Lese keinen Vintage hervorbrächte, sozusagen einen "Rolls Royce" unter den Portweinen. "Ein ganz toller Jahrgang", schwärmt der Chef des alteingesessenen Portwein-Hauses Niepoort.

Die schlechte Nachricht: Erst in ein oder zwei Dutzend Jahren wird man dies auch überprüfen können, denn mindestens so lange benötigt ein Vintage-Port, um seine volle Reife und Trinkbarkeit zu erlangen. Doch Portwein-Liebhaber haben die Zeitrechnung des edlen Getränks ohnehin verinnerlicht.

Vintage, Reifezeit

All das nährt den Kult um den Portwein, der wie kaum ein anderes Getränk für erlesenen Geschmack und Lebenskunst steht. Dabei muss man den Süßwein nicht einmal sonderlich mögen, um ihm Positives abzugewinnen. Kultverdächtig sind nämlich auch die Heimat des Port, wo die Reben einem Sprichwort zufolge "Lava essen und Sonne trinken", die jahrhundertealten Kellergewölbe, in denen er heranreift, und die uralten Traditionen, die die Portweinerzeugung prägen.

Wie man einen Portwein genießt, so genießt man auch seine malerische Heimat: langsam, in kleinen Schlucken. Für die passende Schaugeschwindigkeit sorgt eine Schmalspurbahn, die auf ihrem Weg von Porto nach Osten die Windungen des Douro nachvollzieht. Im Juni führt der in Spanien entspringende Douro noch viel Wasser. Auf das tiefblaue Band des Flusses schließt sich Terrasse um Terrasse sattgrün leuchtender Weinstöcke an.

In Knochenarbeit haben Generationen von Weinbauern die oft nur wenige Meter breiten Anbauflächen den Felshängen abgerungen. Weiter oben ist Schluss mit Vegetation - hier dominiert der Granit Nordportugals. Nahe der spanischen Grenze präsentiert sich das Douro-Tal immer öder und sonnenverbrannter. Dabei haben die Temperaturen noch nicht die Backofen-Qualitäten des Sommers erreicht, wenn sich alles Leben an die Tagesrandzeiten verlagert.

Kleine Orte und Panoramarestaurants

Auf große Touristenströme ist die Region kaum eingerichtet. Kleine Orte und Panoramarestaurants wechseln sich mit Quintas (Weingütern) ab, die an manchen Tagen Besucher in die Kunst der Portweinerzeugung hineinschnuppern lassen. Den Portweinzentren Peso da Régua und Pinhao geht die Geschäftigkeit Portos völlig ab. Geschäfte, die bis unters Dach mit Portweinflaschen gefüllt sind, sucht man vergeblich, Unterkunftsmöglichkeiten halten sich in Grenzen, und am Wochenende hat man Schwierigkeiten, ein offenes Café zu finden.

Geht es nach der Regierung in Lissabon, soll damit bald Schluss sein. Ein Masterplan sieht die Douro-Region binnen zehn Jahren in derselben Tourismus-Liga wie Madeira oder die Algarve. Flughäfen, neue Straßen und gediegene Hotels sollen zahlungskräftige und genussfreudige Touristen anlocken. Immer populärer werden bereits Kreuzfahrten auf dem Douro, der mit einer Reihe von Dämmen gezähmt worden ist.

Entlang der Portwein-Route

Am besten steuert man die 54 Ziele entlang der Portwein-Route jedoch mit einem eigenen fahrbaren Untersatz an. Aber auch diese Variante hat einen Haken: Östlich von Pinhao zweigt die Straße ins Landesinnere ab, windet sich über kahle Hochebenen und durchquert Pinienwälder, bevor die Weinberge wieder ins Blickfeld geraten.

Von der Ernte, die traditionell von Frauen händisch durchgeführt wird, hängen Vermögen ab. Kein Wunder, dass die Kellermeister zum Beginn der "Vindima" im September geschlossen antreten, um sich einen ersten Eindruck von der Qualität zu verschaffen. Für die Kunst der Portwein-Erzeugung sind in traditionell geführten Betrieben noch die "provadores" (Probierer) zuständig. Wann und wie sie Weine verschneiden und lagern, wie sie bestimmte Aromen nach Beeren oder Früchten hervorzaubern, diktieren ihnen die Überlieferungen ihrer Vorgänger genauso wie ihr feiner Gaumen.

Die Stadt, von der aus der Portwein in die Welt verschifft wurde, lieh dem Wein zwar seinen Namen. Seine Reifeprüfung absolviert er allerdings am gegenüberliegenden Flussufer. Wie ein Who's who des Portweins liest sich die Skyline von Vila Nova de Gaia: Calem, Cockburn, Sandeman - in riesigen Lettern verkünden Schilder die Namen jener Unternehmen, die den Ruhm der uralten Handelsstadt am Douro lange mitgetragen haben.

Kellerführung

Eine Kellereiführung katapultiert den Besucher aus der hektischen Betriebsamkeit Portos in eine Welt, in der die Zeit in Jahrzehnten gemessen wird. In tief in den Boden gegrabenen Hallen, unter einem Meer von gescheckten roten Ziegeldächern hat der Port alle Zeit zum Reifen. Kreideaufschriften auf den übereinander gestapelten Fässern verraten, aus welchem Gebiet der Portwein stammt und wie lange er bereits lagert.

Ein Hauch von Alkohol - der bei Lagerung in den leicht porösen Holzfässern verdunstende Engelsanteil - ist ständiger Begleiter auf dem Weg durch die kühlen Gewölbe. Den Genuss eines wirklich alten Portweins zelebrieren Genießer wie ein religiöses Ritual. "Wir verkaufen einen Portwein aus dem Jahr 1863, der mit 3000 Euro pro Flasche zu Buche schlägt", erzählt eine Führerin in der traditionsreichen Kellerei Ferreira.

Persönliche Port-Reifeprüfung

Preiswerter und stilgerechter legt man die persönliche Port-Reifeprüfung in der Probierstube des Portweininstituts ab, dem Solar do Vinho do Porto. Versunken in tiefen Fauteuils brütet man etwas ratlos über einer Karte, die über 150 Tropfen aller namhaften Hersteller aufweist. Aufmerksame Ober sind bei der Auswahl behilflich.

Die Verkostung beginnt mit wenige Jahre alten Rubies. Zu Pistazien, Oliven, reifem Käse und Mandelkeksen arbeitet man sich langsam zu den Tawnies vor und bekommt eine Ahnung von der Vielfalt und vom Reifegrad der Weine, der sich nicht nur im feineren Geschmack, sondern auch im Preis niederschlägt. Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, empfiehlt sich ein Spaziergang im Garten des Herrenhauses hoch über dem Douro. In seinen Fluten spiegeln sich die Leuchttafeln der Kellereien am anderen Ufer wider. Wenn die Verkostungsmission gegen Mitternacht noch nicht beendet ist, beginnen die Kellner, die Tische höflich, aber bestimmt abzuräumen. Die Hoffnung, dass diese Tradition etwas gelockert werden könnte, war verfrüht. (Der Standard/rondo/4./6./2004)

Von Stefan Spath
  • Die Stadt gab dem Wein ihren Namen
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    Die Stadt gab dem Wein ihren Namen

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