Der lange Weg zum Fairplay

13. Juni 2004, 11:32
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Die Olympischen Spiele sorgen für einen Boom der Sportartikelindustrie. Elisabeth Schinzel, Leiterin der Clean Clothes Kampagne Österreich, über die Arbeitsbedingungen in der Branche

"Faire Arbeitsbedingungen bei der Herstellung von Sportbekleidung sind so selten wie ein Weltrekord im Weitsprung." Auf diese einprägsame Formel bringt die internationale Clean Clothes Campaign die Arbeitsbedingungen in der Sportartikelindustrie. Die Liste der Missstände ist lang und reicht von erzwungener Mehrarbeit über Hungerlöhne bis zur Androhung der Todesstrafe für den Versuch, eine gewerkschaftliche Organisation zu gründen. Zeitgerecht zu den Olympischen Spielen in Athen, die die Produktionsrhythmen weiter ankurbeln, fordern die in der Initiative vereinten Entwicklungsorganisationen und Gewerkschaften nun "Fair Play at the Olympics". Ins Visier hat man dabei vor allem kleinere Markenfirmen genommen, die Großen der Branche wie etwa Adidas sind zumindest schon der "Fair Labour Organisation" beigetreten, was eine gewisse Transparenz und einige Verpflichtungen mit sich bringt.

"Ich bin von Beruf Optimistin", sagt Elisabeth Schinzel von der "Südwind Agentur", die für die Durchführung der österreichischen Clean Clothes Kampagne (CCK) verantwortlich ist. Die CCK setzt sich für die Rechte der ArbeiterInnen und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der internationalen Bekleidungs- und Sportartikelindustrie ein. "Ich finde, in den vergangenen zehn Jahren hat es große Schritte gegeben." Schritte vonseiten der Unternehmen, die sich z.B. mit einer Unmenge von Protestkarten und E-Mails von KonsumentInnen konfrontiert sehen. "Erst durch den Druck, den solche Kampagnen ausüben, haben die Firmen begonnen, sich zu bewegen." Haben begonnen, Verantwortung für die Produktionsbedingungen ihrer Zulieferfirmen zu übernehmen oder interne Verhaltenscodices aufzustellen. "Die waren anfangs zahnlos, da haben wir wieder nachgestoßen, und es gab Verbesserungen", erzählt Schinzel.

Viele Firmen der Sportartikel- und Textilbranche haben zudem ein internes Monitoring der Produktionsbedingungen eingeführt und listen in ihren Berichten durchaus auch Schwachstellen auf. Was laut Schinzel aber noch fehlt, ist die unabhängige Überprüfung der Produktionsbedingungen, also ein externes Monitoring: "Das ist unser großes Ziel."


DER STANDARD: Warum sind Initiativen für fairen Handel im Lebensmittelbereich - man denke an "Fair Trade"-Bananen oder -Kaffee - erfolgreicher als vergleichbare Projekte im Bekleidungssektor?

Elisabeth Schinzel: Fair Trade bei Nahrungsmitteln hat zum einen eine schon längere Geschichte hinter sich, zum anderen sind das z.B. Kooperativen von Kleinbauern, die Kaffee produzieren. Es ist leichter, den Weg einer Kaffeebohne von den KleinbäuerInnen bis ins bei uns verkaufte Packerl zu verfolgen als den Weg eines Kleidungsstückes. Eine Jeans wird oft in zehn verschiedenen Produktionsschritten in zehn Ländern hergestellt und reist um die halbe Welt, bis sie bei uns im Geschäft landet. Zudem ist die Zulieferstruktur im Bekleidungssektor sehr flexibel, Aufträge werden innerhalb kürzester Zeit übers Internet vergeben, da stehen z.B. kleine Zulieferbetriebe in Indien mit der ganzen Welt in Konkurrenz.

Die Produktionsbedingungen von Kleidung sind also viel schwieriger zu kontrollieren?

Schinzel: Genau, und deswegen wird es so etwas wie ein Produktsiegel, etwa in Form eines eingenähten "Clean Clothes"- oder "Fair Wear"-Logos vermutlich nie geben. Es könnten sich stattdessen Firmen mit Gewerkschaften und der CCK zusammensetzen und ihre Zulieferbetriebe und deren Arbeitsbedingungen unabhängig überprüfen lassen, um dann eine schrittweise Verbesserung zu versuchen. Das geht natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, aber wir würden uns schon sehr freuen, wenn mehr Firmen in einen derartigen Dialog einstiegen.
Wie können derartige Projekte konkret aussehen?

In den Niederlanden gibt es ein sehr spannendes Projekt, die Fair Wear Foundation. Da haben sich Unternehmen, Gewerkschaften und NGOs, konkret die Clean Clothes Campaign, an einen runden Tisch gesetzt. Die Firmen, die mitmachen, zahlen in einen Fonds ein, aus dem das unabhängige Monitoring, die Überprüfung der Arbeitsbedingungen, bezahlt wird. Man muss natürlich auch mit den Firmen vor Ort intensiv zusammenarbeiten, mit den dortigen NGOs und Gewerkschaften. Die kennen die Leute und wissen, was und in welchem Rahmen möglich ist. Auch die Selbstorganisation von ArbeiterInnen muss unterstützt werden.

Woran kann ein Konsument, eine Konsumentin erkennen, ob ein Kleidungsstück unter fairen Bedingungen hergestellt wurde?

Schinzel: Da möchte ich nochmals auf das niederländische Modell zurückkommen, ich glaube, dass das auch in diesem Bereich zukunftsweisend ist. Die beteiligten Firmen können in ihren Berichten darauf hinweisen, dass sie Mitglied der Fair Wear Foundation sind, sie dürfen auch ein eigenes Logo etwa für ihr Werbematerial verwenden.

Das könnte dann von den Firmen z.B. für eine Imagekampagne verwendet werden?

Schinzel: Ja, natürlich ist das auch eine Imagefrage. Wenn z.B. ein großer Konzern wie Puma sein Image damit aufpolieren will, indem er der Fair Wear Foundation beitritt, wird es Nachrückungstendenzen von den Mitbewerbern geben, d.h. dann sagt vielleicht Adidas, das brauchen wir auch. Wir streben also eine gesamte Bewegung an, sodass es eines Tages nicht mehr nötig sein wird, jedes Kleidungsstück einzeln zu bewerten und auszuzeichnen. Ich halte das für einen sehr guten und realistischen Weg.

Wie hat sich das Interesse an CCK in Zeiten der Wirtschaftskrise entwickelt?

Schinzel: Ich habe stark den Eindruck, dass sich die KonsumentInnen seit einigen Jahren wieder viel mehr für Fairness interessieren. Das habe ich auch bei der CCK gesehen, viele wollen sich engagieren, unsere Adressdatei für Protestaktionen ist extrem gewachsen. Es wird aber auch in Frauenzeitschriften über faire Produktionsverfahren berichtet, und es sind ja vor allem Frauen, die einkaufen. Und die globalisierungskritische Bewegung hat da sicher für mehr Bewusstsein über die Zusammenhänge geführt. Die Entwicklung wird aber sicher länger dauern als im Bereich der Nahrungsmittel.

Muss fair produzierte Kleidung eigentlich teurer sein?

Schinzel: Nein, das glaube ich nicht. Man kann das an einem normalen Sportschuh zeigen: Der kostet im Verkauf rund 100 Euro, der Lohn macht 0,4 Prozent aus, das sind 40 Cent. Wenn man den Lohn der ArbeiterInnen verdoppelt, ergeben sich kleine Verschiebungen in der Verteilung des "Kuchens", die unserer Meinung nach durchaus akzeptabel wären. (DERSTANDARD/rondo/mw/04/06/04)

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