"Ich weiß gar nicht, was porn-chic ist!"

16. Juni 2004, 21:59
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Juergen Teller ist 40. Im Vorfeld einer Ausstellung in der Wiener Kunsthalle erzählt der Star-Fotograf über seine Vorliebe für Schlachtplatten, die eigene Nacktheit und zu wem er bei der Fußball-EM hält

der Standard: Herr Teller, Sie sind gerade 40 geworden. Auf dem Foto, das "Ich bin vierzig" heißt, liegen Sie mit dem Kopf auf einer Schlachtplatte.

Teller: Ja, ich feiere oft und gehe dann gerne in dieses österreichische Lokal hier in London, es heißt "Tiroler Hut", und das ist gleich bei mir um die Ecke. Da haben sie auch Livemusik und sehr gutes Essen. Da wollte ich meine Geburtstagsparty machen. Ich habe 100 Leute eingeladen und wollte denen als Einladung ein besonderes Foto schicken. Es sollte ausdrücken, wie die Party enden wird.

Hat das Foto auch etwas mit Ihrem momentanen Gemütszustand zu tun?

Teller: Nee, es ist nur auf die Party bezogen. Zu viel gutes Essen, zu viel Bier, zu viel Schnaps. You know: Collapsed.

Essen Sie wirklich gerne Schlachtplatte?

Teller: Esse ich gerne, ja.

Ihre Bilder sind in den vergangenen Jahren immer persönlicher, immer intimer geworden. Was interessiert Sie an sich selbst, an Ihrem Körper?

Teller: Ich habe jahrelang viele Models, viele Persönlichkeiten fotografiert. Das ist sehr anstrengend, sich die ganze Zeit auf andere einzustellen, you are completely exhausted and drained afterwards. Dann hatte ich einmal eine schlechte Erfahrung mit einer Schauspielerin und da habe ich mir gedacht, warum fängst du nicht an, dich selbst zu fotografieren.

Wer war das?

Teller: Das will ich nicht sagen. Sie war, als sie die Fotos gesehen hat, völlig schockiert. Sie war eine Schauspielerin im mittleren Alter. "Jürgen", sagte sie, "du machst mich zehn Jahre älter, als ich bin." Da hab' ich mir gedacht, tja, meine Liebe, du denkst, du bist zehn Jahre jünger als du bist.

Ernten Sie nicht öfters böse Reaktionen? Sie schmeicheln Ihren Models selten.

Teller: Überhaupt nicht. Die Personen, die ich fotografiere, finden es eine interessante journey, die ich mit ihnen mache, und sie finden sich auch gut porträtiert.

Sie fotografieren sich häufig nackt. Was bedeutet Nacktheit für Sie?

Teller: Was Nacktheit bedeutet, weiß ich auch nicht. Es ist einfach die purste Art, sich zu fotografieren. Wenn ich irgendwelche Kleider anhabe, muss ich mir überlegen, was für Kleider ich anhabe. Man sendet dann auch Signale aus, die ich nicht gebrauchen kann. Es kommt mir auch nicht darauf an, wie ich nackt ausschaue.

Sind Sie wirklich so uneitel?

Teller: Ich bin auch nicht eitler als jemand anderes. Ich will Ihnen eine Sache erzählen: Ich habe fünf, sechs Monate hindurch Selbstporträts zusammen mit Charlotte Rampling fotografiert, für eine Serie über Louis XV. Während des Projekts habe ich angefangen, Gewicht zuzunehmen. Und sie hat parallel dazu Gewicht verloren. Weil, das hat Sinn gemacht. Louis XV war ja dieser King, alle Fotos sind sehr üppig und sehr extravagant. Der Body verändert sich total, ich habe angefangen, viel mehr zu trinken und viel mehr zu essen und keinen Sport zu machen.

War das angenehm?

Teller: Na ja, schon, weil es nötig war für die Arbeit. Ich fand's interessant, auf den Fotos zu sehen, was da passiert mit dem Körper. Ich eiere jetzt allerdings immer noch mit einem Bauch rum. Und um auf die Eitelkeit zurückzukommen: Es nervt mich jetzt schon.

Das Ganze hat einen koketten Beigeschmack, Sie sind einer der Superstars unter den Fotografen. Und dann fotografieren Sie sich selbst als "Arschloch reading Kicker", und das im wörtlichen Sinn.

Teller: Ich finde es schockierend, wie konservativ die meisten Leute sind. "Arschloch reading Kicker", das ist eigentlich eine Aussage über das Bild, das ich von mir nackt am Grab meines Vaters gemacht habe, und meine Mutter war damit gar nicht einverstanden. Ich hatte sehr viele Bedenken, ob ich das Bild veröffentlichen soll oder nicht. Ich bin dann in meiner Sauna gesessen und habe das Kicker gelesen, und habe gedacht, eigentlich bin ich ein totales Arschloch. Dann habe ich das Foto als Selbstporträt gemacht, mich also als Arschloch dargestellt. Außerdem hat es mich interessiert, wie genau mein Arschloch ausschaut. Und es ist ja eigentlich gar nicht so übel. So oft schaut man jemand anderem auch nicht in den Arsch.

Zu Ihrem Vater hatten Sie eine schwierige Beziehung. Trotzdem haben Sie in den vergangenen Jahren immer wieder Ihren Geburtsort Bubenreuth im Fränkischen fotografiert. Welche Rolle spielt denn Bubenreuth in Ihrem Leben?

Teller: Ganz einfach, da komm' ich her. Ich mag das sehr gern da. Seit ich eine Tochter habe, fahre ich auch häufiger hin. Mit 20 bin ich weg von daheim, dann bin ich nach München für zwei Jahre, dann nach London, und das ist alles sehr schnell passiert, und ich konnte auch kein Englisch und ich musste mich dann sehr schnell zurechtfinden und Geld verdienen. Die Heimat hatte ich damals links liegen gelassen.

Der verlorene Sohn kehrt zurück, sozusagen. Könnten Sie sich vorstellen, wieder in Bubenreuth zu leben?

Teller: Nee, weil ich einfach eine Tochter habe, die hier in London lebt.

Sie stellen Ihre Arbeiten mittlerweile bevorzugt im Kunstkontext aus. Arbeitet es sich dort angenehmer?

Teller: Wenn ich Mode fotografiere, was ich eigentlich nicht mehr so viel mache, hat man mehr Verantwortung gegenüber dem Kunden.

Sie meinen, in der Modefotografie ist die Freiheit nicht so groß?

Teller: Du musst den Kunden verstehen, was er haben will, und du musst seine Erwartungen übertreffen. Bei meinen eigenen Fotos kann ich machen, was ich will.

Sie haben den Ruf, dass Sie immer das machen, was Sie wollen.

Teller: Klar mache ich, was ich will. Ich habe aber noch nie einen Modekunden gehabt, für den ich nur ein einziges Mal fotografiert habe. Wenn ich für Puma fotografiere, für Strenesse oder für Marc Jacobs, dann gehe ich auf deren Wünsche ein. In diesen Grenzen stecke ich dann meinen Rahmen ab. Es ergibt sich für mich kein Sinn, wenn ich ein Editorial mache für die britische oder die italienische Vogue, nur um irgendwelche schwarzen Hemden oder kurze Röcke zu fotografieren. Nur damit die ihre Seiten füllen.

Wenn Leute Ihre Bilder beschreiben, kommt sehr oft das Wort "authentisch" vor. Was ist Authentizität für Sie?

Teller: Weiß ich auch nicht. Das frag' ich jetzt Sie mal.

Hat Authentizität mit Schönheit zu tun?

Teller: Hmm, authentisch, das heißt wohl, dass es etwas mit einer persönlichen Handschrift bei jemandem zu tun hat. Oder?

Ich frage Sie deshalb, da Sie in den Neunzigern als der porn-chic und Grunge-Fotograf galten.

Teller: Ich weiß gar nicht, was porn-chic ist. Und ein Grunge-Fotograf war ich auch nie. Ich habe Kurt Cobain fotografiert, und ich habe bestimmte Leute, die mich interessiert haben, fotografiert, und die hatten eben Jeans an, und Sneakers und hatten irgendwelche langen Haare. Am selben Tag bin ich dann nach New York geflogen und habe für die amerikanische Vogue Models in Stöckelschuhen und kurzem Rock fotografiert.

Sie sind ein großer Fußballfan. Werden Sie sich die Europameisterschaft anschauen?

Teller: Logisch. Ich habe zwei Wochen ein Haus gebucht in Portugal.

Was ist Ihr Tipp?

Teller: Deutschland. Wäre schon gut, wenn die es schaffen.

Zu England halten Sie nicht?

Teller: Nein, auf keinen Fall. Ich war schon als kleines Kind für Deutschland. Da kannst du nicht einfach so umschwenken. Das geht doch nicht.
Interview: Stephan Hilpold (DERSTANDARD/rondo/04/06/04)

Teller – nackt
„Wie kriegt er bloß eine solche natürliche Intimität hin?“, fragte sich die britische Künstlerin Tracey Emin einmal angesichts von Juergen Tellers Fotografien. Der in Deutschland geborene Fotograf lebt seit beinahe 20 Jahren in London und revolutionierte in den Neunzigern mit seinem rauen Stil die Modefotografie. In den vergangenen Jahren beschäftigte sich Teller vermehrt mit eigenen Kunstprojekten. Die Wiener Kunsthalle zeigt ab 10. Juni „Ich bin vierzig“, eine Rückschau des Fotografen. Inklusive der unveröffentlichten Serie „Louis XV“, eine Fotoreihe mit Charlotte Rampling (siehe Foto oben). Katalog und Serie erscheinen als Bücher im Steidl Verlag.
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