Salzburg droht akute Wohnungsnot

4. Juni 2004, 10:37
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Bis 2007 fehlen rund 20.000 Wohneinheiten, 3500 davon in der Stadt Salzburg - die Politik ergeht sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen

Nach einer kurzen Atempause in den 90er-Jahren sind Stadt und Land Salzburg wieder auf dem besten Weg in die Wohnungsnot. Bis 2007 fehlen rund 20.000 Wohneinheiten, 3500 davon in der Stadt Salzburg. Die Politik ergeht sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen.

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Salzburg - Die steigende Zahl an Single-Haushalten, mehr Scheidungen und der Trend, dass Jugendliche früher das "Hotel Mama" verlassen - das sind nur einige Faktoren, die in der aktuellen Prognose des Landes als Ursachen für den explodierenden Bedarf an neuem Wohnraum genannt werden. Dazu kommt, dass jährlich rund 700 Wohnungen vom Markt "verschwinden". Sie werden abgerissen oder umgewidmet. Nach Angaben des Büros von SP-Wohnbaulandesrat Walter Blachfellner müssen im gesamten Bundesland bis 2007 rund 20.000 neue Wohneinheiten fertig gestellt werden. Allein in der Landeshauptstadt Salzburg fehlen bis dahin 3500 neue Wohnungen.

Zwei Drittel weniger Wohnungen als im Jahr davor

Demgegenüber stehen die jüngsten Zahlen zur Wohnbautätigkeit. So seien in der Landeshauptstadt vergangenes Jahr nur 488 Wohnungen fertig gestellt worden, rechnet der SP-Stadtrat Martin Panosch vor. 2002 seien es noch 718 gewesen. Der Rückgang bei den Gemeinnützigen ist überhaupt eklatant: Diese hätten 2003 gleich fast zwei Drittel weniger Wohnungen gebaut als im Jahr davor. In der Stadt suchen derzeit etwa 800 Menschen eine neue Wohnung.

Teures Wohnen

Die Folgen: Die Wohnkosten sind auf Rekordkurs. Laut Arbeiterkammer hat man längst wieder die Werte aus den Zeiten der akuten Wohnungsnot erreicht, die Salzburger zahlten fürs Wohnen um ein Fünftel mehr als der durchschnittliche Österreicher. Nach Schätzungen leben etwa 6000 Menschen in prekären Wohnverhältnissen.

Die neue rot-schwarze Landesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, landesweit jährlich zumindest 2000 neue Wohnungen zu fördern, die Differenz auf den tatsächlichen Bedarf soll vom nicht geförderten Sektor errichtet werden. Ein hehres Ziel: 2003 hat man laut AK nicht einmal die Hälfte geschafft.

Folgen bei Abschaffung der Wohnbauförderung

Es könnte freilich noch weit schlimmer kommen. Bis heute sei jedenfalls noch nicht klar, ob der Bund im Rahmen der Finanzausgleichsverhandlungen die Zweckzuschüsse für die Wohnbauförderung nicht doch noch antastet, heißt es aus dem Büro Blachfellner. Für Salzburg geht es dabei um mehr als 112 Millionen Euro pro Jahr. In einem aktuellen Papier des Finanzministeriums ist die Wohnbauförderung zwar nicht mehr zur Disposition gestellt, an der Salzach will aber niemand dem Frieden trauen. Immerhin habe Böhler-Uddeholm-Vorstand und Kanzlerberater Claus Raidl erst neulich die Abschaffung der Wohnbauförderung verlangt, so Blachfellner. Die Folgen wären verheerend: Die Mieten würden sich verdoppeln, 15.000 Arbeitsplätze im Bau- und Baunebengewerbe würden vernichtet.

Steit um Grünland

Auf Stadtebene führt das Thema Wohnungsnot indes zu heftigen politischen Konflikten. Aus Sicht der SPÖ ist der "Grünlandfundamentalismus" am rückläufigen Wohnungsbau mit schuld. Panosch fordert "rasche Änderungen im räumlichen Entwicklungskonzept und im Flächenwidmungsplan." Das ist neuer Zündstoff für den seit den Wahlen im März schwelenden Konflikt zwischen SP und Bürgerliste. Gemeinderatsklubchef Helmut Hüttinger wirft Panosch "Heuchelei" vor: Bauland sei genug vorhanden - statt Grünland umzuwidmen, sollte bestehendes Bauland mobilisiert werden. (Thomas Neuhold, DER STANDARD Printausgabe 3.6.2004)

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    Allein in der Landeshauptstadt Salzburg fehlen bis dahin 3500 neue Wohnungen

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