Im D-Day-"Duck" durch London

16. Juni 2004, 19:17
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Amphibienfahrzeuge bringen Schaulustige sogar auf die Themse

Nur mit sehr viel Fantasie kann man sich den grauen Betonweg am Ufer der Themse als französischen Strand vorstellen. Aber genau das ist es, was Alan Barnes von seinen Gästen verlangt. "Gleich landen wir in der Normandie", ruft er mit vibrierender Stimme. "Links und rechts fliegt uns tonnenweise Metall um die Ohren. Auf geht's!"

Die gelbe Blechkiste knattert aufs Flussufer zu. Links steht ein hässlicher Bürobetonklotz, rechts die Geheimdienstburg der Auslandsspionage MI6. Dazwischen findet unser Kapitän Rob zielsicher den "Strand".

Schweigeminute

"Lassen Sie uns hier eine Schweigeminute einlegen", sagt Alan, der Touristenführer. "Gedenken wir der tapferen Männer des D-Day." (Am 6. Juni vor 60 Jahren landeten die Alliierten in der Normandie, 57.000 alliierte Soldaten und 60.000 Deutsche starben.)

So ernst war er die ganze Fahrt über nicht gewesen. Im Amphibienwagen durch London zu tuckern, einmal neben, einmal auf der Themse und auch einmal über sie hinweg, gehört eigentlich zu den vergnüglichsten Varianten, die Stadt zu erkunden.

Bei "Duck Tours" haben sie ein paar DUKWs aus dem Zweiten Weltkrieg mit dottergelber Farbe angestrichen, 30 Polstersitze aus ausrangierten Doppelstockbussen eingebaut, zusätzlich moderne Schwimmwesten in die Gepäckablage gelegt - fertig.

Rund 21.000 solcher Vehikel hatte der US-Konzern General Motors ab 1942 hergestellt; eine Kombinationen aus Schiffsrumpf und Lkw-Chassis, die zu Lande rund 70 km/h erreichten und zur See ungefähr sechs Knoten (elf km/h). Weil der Fachbegriff DUKW zu kompliziert ist, heißt das Gefährt heute einfach nur noch Duck - Ente.

John Bigos, der Sohn eines 1941 nach England geflohenen polnischen Offiziers, hat das Geschäft 2003 übernommen. Nicht nur der klassische Tourist ist sein Kunde. Bräute, die kurz vor der Hochzeit eine rauschende "Hen Party" feiern (ein zügelloses Besäufnis), lassen sich gern stilgerecht im Duck zur Kneipe kutschieren.

Shakespeare-Namen

Weil es gut klingen soll, hat Bigos alle seine "Enten" auf Frauennamen aus Dramen von Shakespeare getauft: Beatrice, Cleopatra, Desdemona, Mrs. Quickley, Titania.

"Willkommen an Bord der Titanic", witzelt Alan Barnes, bevor es losgeht. "Titanic, hey, ihr wisst ja, was mit der passiert ist. Verstärkt den Nervenkitzel, nicht wahr?" Barnes hat das "a" im Schriftzug "Titania", der groß am Armaturenbrett prangt, einfach weggekratzt und reißt nun Witze mit sarkastischem Unterton.

Es geht über Prachtstraßen, vorbei an Königsschlössern, über Brücken. In Vauxhall, mit Blick auf die graubraunen Fluten der Themse, steigt Busfahrer Raz aus. Der Bootskapitän Rob übernimmt. Sanft gleitet der DUKW in den Strom, die Schiffsschraube beginnt sich zu drehen.

Eigene Qualifikation

Viel Holz treibt im Fluss. Hinzu kommt die wechselnde Strömung, ein Naturphänomen, das Laien immer wieder aufs Neue verblüfft. Bei Flut drückt das Meerwasser von der Nordsee herein, fünf Stunden lang, dann hat die Themse ihren Höchststand erreicht. Gegen diese Flut kämpft Rob gerade an, obwohl er seinen Kahn ja stromab lenkt.

Wer einen Amphibienlaster auf so einem Fluss lenken will, benötigt eine besondere Qualifikation. Er muss ein "Waterman" sein, Mitglied der "Company of Watermen and Lightermen", der Gilde all derer, die Personen beziehungsweise Waren auf der Themse befördern dürfen.

1555 wurde der exklusive Berufsverein per Parlamentsakte gegründet. "Im Grunde ist es die älteste Gewerkschaft in Großbritannien", meint Bigos. "Nicht einmal Maggie Thatcher hat sich getraut, sie zu zerschlagen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 6. 2004)

Von Frank Herrmann aus London
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    foto: der standard
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