Alfonso Cuarón, der Regisseur im Porträt

19. Juli 2004, 11:49
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Ein Mexikaner auf Kurzbesuch in Hogwarts

Als Regisseur für den dritten Teil der immens erfolgreichen Harry-Potter-Verfilmungen war er alles andere als eine Wahl, die sich aufdrängte: Der Mexikaner Alfonso Cuarón hatte vor zwei Jahren für sein Roadmovie Y tu mamá también viel Kritikerlob bekommen, die Geschichte um zwei junge Männer, die mit einer älteren Frau ans Meer aufbrechen, hatte jedoch in keiner Weise Ähnlichkeit mit dem massenkompatiblen Franchise-Universum des britischen Zauberlehrlings.

Womöglich wollte man nach den beiden überproduzierten Vorgängern, in denen Spezialeffekte und andere Schauwerte im Vordergrund standen, mehr in die Atmosphäre investieren, schließlich werden auch Harry-Potter-Fans mit dem Alter anspruchsvoller - und für die Pubertät des Helden schien der kinderfreundliche Chris Columbus nicht länger der geeignete Kandidat.

Cuarón hingegen, der 1961 in Mexico-Stadt geboren wurde, vermag auf dem Feld unabhängig produzierter Autorenfilme daheim im Mexiko ebenso zu bestehen wie er auch jenseits der Grenze, in Hollywood, als Regisseur größer budgetierter Auftragsarbeiten reüssierte. Im Filmgeschäft begonnen hat er als Kameramann, er drehte für Sidney Pollacks TV-Serie Fallen Angels Episoden, 1991 verwirklichte er dann seinen ersten Spielfilm, Sólo con tu pareja - eine Komödie rund um Aids, die in seiner Heimat zum erfolgreichsten Film des Jahres wurde.

Mit Little Princess gab er 1993 schließlich sein Hollywood-Debüt, und nach der Charles-Dickens-Verfilmung Great Expectations, in der Gwyneth Paltrow und Ethan Hawke mitwirkten, schien eine Karriere in der Traumfabrik bereits unausweichlich: Cuarón verlegte die Schauermär ins Florida und New York von heute und beeindruckte durch eine stimmungsreiche Farbdramaturgie.

Der eigensinnige Mexikaner zog es jedoch vor, seine eigenen Pläne zu realisieren und, zurück in der Heimat, seinen bisher persönlichsten Film, Y tu mamá también, zu drehen. "Hollywood", sagt er denn auch gern in Interviews, "kann nur eine Station, kein Ziel einer Reise sein." Und auf die Frage, welche Filme er schätzt, führt er wenig bekannte Nouvelle-Vague-Arbeiten wie Jacques Roziers Adieu Philippine an.

Mit Harry Potter und der Gefangene von Askaban kehrt Cuarón zwar zum Mainstream zurück, aber nur kurzzeitig. Selbst Vater eines Teenagers, dürfte es ihn gereizt haben, dem heranwachsenden Zauberer eine persönlichere Note zu geben. Den vierten Teil wird mit Mike Newell, dem Regisseur von Four Weddings and a Funeral, wiederum ein anderer inszenieren: Cuarón macht zumindest Pause, sein nächstes Projekt widmet sich den Studentenunruhen in Mexiko im Jahr 1968. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh
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    Alfonso Cuarón

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