"Harry Potter und der Gefangene von Askaban": Kein Ausbruch aus dem Monsterbuch

26. März 2005, 22:54
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"Harry Potter und der Gefangene von Askaban" erhielt dunklere Züge, riskiert aber dennoch nicht viel

"Harry Potter und der Gefangene von Askaban", der dritte Film über den umtriebigen Zauberlehrling, hat mit Alfonso Cuarón einen neuen Regisseur, der dem magischen Universum zwar dunklere Züge verleiht - aber dennoch nicht viel riskiert.


Wien - Ein Serienheld wird älter, zumindest in Maßen: Wenn Harry Potter (Daniel Radcliffe) zu Beginn der mittlerweile dritten Filmadaption Harry Potter und der Gefangene von Askaban wieder einmal gegen die kleinbürgerlichen Verhältnisse im Hause Dursley aufbegehrt, schleicht sich ein Hauch von "teenage rebellion" ein. Die keppelnde Tante Magda wird bestraft für ihre reaktionären Ansichten: Als aufgeblähter Ballon schwebt sie davon - und Harry packt seine Koffer, um ganz alleine loszuziehen.

Der Mexikaner Alfonso Cuarón, der 2001 mit seinem Roadmovie Y tu mamá también einen Überraschungserfolg landete, hat also von Chris Columbus (nunmehr Produzent) die Regieagenden übernommen. Ausgiebig war im Vorfeld des Films bereits darüber spekuliert worden, ob der uninspirierte Hochglanz-Produktionsstil der ersten beiden Teile nunmehr von einer vergleichsweise düsteren, individuelleren Interpretation des Potter-Universums abgelöst werden wird.

Rasanter Einstieg

Die Autorin Joanne K. Rowling, hörte man dann nach der London-Premiere, ist mit dem Resultat höchst zufrieden. Anfangs ist man geneigt, ihr zuzustimmen: Cuarón steigt unvermittelter ins Geschehen ein, die Bilder sind zittriger, näher an einem als real empfindbaren Milieu. Und Potters Überfahrt nach Hogwarts gerät um vieles rasanter als zuletzt: In einem Geisterbus rast er im Zeitraffer durch Londons Innenstadt, diri- giert wird der von einem Schrumpfkopf und einem kurzsichtigen Großvater.

Doch die Pottersche Zauberwelt scheint schon viel zu generisch und ihre filmische Umsetzung immer schon zu angstbesetzt vor dem Erfolgsdruck der Vorlage, als dass sie den Zugriff eines Autors auf Dauer zuließe - in der Art etwa, wie Tim Burton Batman in seine märchenhaft stilisierte Welt versetzte. Zwar dominieren auch in Hogwarts dunkle Farbtöne, wird das gotische Interieur der Schule mit allerlei Spiegeln und Schatten ausgestattet, erfreuen belebte Objekte wie etwa ein bissiges Monsterbuch.

Keusch in der Liebe

Aber der Kompromiss wird ebenso offensichtlich - schon allein dadurch, dass Harry und seine Freunde Hermione (Emma Watson) und Ron (Rupert Grint) keine Uniformen mehr tragen, sondern eher so aussehen, als wären sie von H&M eingekleidet worden - zu ersten Gefühlswallungen unter den Pubertierenden kommt es trotzdem nicht.

Wie schon die Filme davor krankt auch Der Gefangene von Askaban an seiner episodischen Struktur: Ob die Konkurrenz zwischen den Kommilitonen, kleine Eskapaden im Unterricht - unter anderem mit dem Fabelwesen Hippogreif - oder das obligatorische Quidditch-Spiel, diesmal im Regen - alles findet seinen Platz, aber Cuarón keinen Rhythmus.

Die eigentliche Handlung, die vom entflohenen Mörder Sirius Black erzählt, geht denn neben dem barocken Beiwerk fast unter: Dieser soll schon am Tod von Harrys Eltern beteiligt gewesen sein und ist nunmehr hinter dem Jungzauberer her. Seinen Auftritt hat er erst sehr spät: Gary Oldman spielt ihn mit grimmig-verzweifeltem Furor und liefert sich mit Timothy Spall, der die längste Zeit als Ratte durch den Film kroch, ein Ausdrucksduell, bei dem die erzählerischen Zusammenhänge jedoch zu kurz kommen.

Eindrücklicher als das Ensemble aus britischen Charakterdarstellern (Michael Gambon spielt die Rolle Dumbledores, Emma Thompson eine Wahrsagerin), das sich mit kleinen Auftritten begnügen muss, geraten die Dementoren, die Gefängniswärter von Askaban, die ihren Opfern die Seele rauben. Die schwarzen, fetzenhaften Wesen, die ein wenig an den wunderbaren Faulgott aus Hayao Miyazakis Zeichentrick-Geisterfilm Spirited Away erinnern, sind die einzigen richtig unheimlichen Gestalten dieses Films, die Harry wiederholt in Ohnmacht fallen lassen.

Es liegt am neuen Professor Lupin (David Thewlis), ihm den geeigneten Zauberspruch dagegen zu lehren. Er ist es auch, der ein Band zur Vergangenheit herstellt, wenn er Harry von seinen Eltern erzählt und darüber zumindest eine Ahnung von der Ambivalenz des Helden vermittelt. Die heroischere Rolle hat diesmal ohnehin Hermione inne, die an den entscheidenden Wendungen mit den richtigen Einfällen auftrumpft - und am Ende noch einmal die Zeit zurückdreht: Ähnliches Zauberwerk hätte dem Regisseur, um den Film ein wenig zu entrümpeln, nicht geschadet. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2004)

  • Ein Zauberlicht gegen Schatten: Daniel Radcliffe kämpft als Titelheld im dritten Teil der Zauberer-Erfolgsserie, "Harry Potter und der Gefangene von Askaban", auch gegen die eigenen Ängste an.
    foto: warner

    Ein Zauberlicht gegen Schatten: Daniel Radcliffe kämpft als Titelheld im dritten Teil der Zauberer-Erfolgsserie, "Harry Potter und der Gefangene von Askaban", auch gegen die eigenen Ängste an.

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