Die Diva der Rue Jacob

7. Juni 2004, 14:45
posten

Gemälde Chaim Soutines und Mobiliar im "Castaing-Stil" werden demnächst bei Sotheby's versteigert

Sieben noch im Besitz der Familie Castaing befindliche Gemälde Chaim Soutines werden im Juni bei Sotheby's in London versteigert. Mobiliar im "Castaing-Stil" kommt im September bei Sotheby's in Paris unter dem Hammer.


London - Efeuumrankt ist die steinerne Freitreppe, die zum stattlichen Landhaus der Familie Castaing in Lèves (nahe bei Chartres) hinaufführt. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren betraten Größen wie Pablo Picasso, Blaise Cendrars, Erik Satie und Chaim Soutine das fantasievoll ein- gerichtete Haus über diese schwungvolle Treppe.

Chaim Soutine (1898-1943) wurde von den Mäzenen Marcellin und Madeleine Castaing besonders gefördert. Er war jahrelang im Sommer Gast in Lèves. In dem von einem großen Park umgebenen Landhaus malte der gebürtige Litauer neben der Dame des Hauses, deren Porträt heute im Metropolitan Museum hängt, diverse Einwohner von Lèves.

Von den 40 Soutine-Gemälden, die Marcellin und Madeleine Castaing im Laufe der Jahre erwarben, werden die sieben noch in Familienbesitz befindlichen am 21./22. Juni bei Sotheby's in London versteigert. Im Schlafzimmer von Madeleine Castaing (1898-1994) hing La Sièste aus dem Jahre 1931. Chaim Sou- tine porträtierte die in einer Wiesenlandschaft schlafende Frau des Bahnhofsvorstehers. Als Letzterer seinen Unmut darüber äußerte, erklärte ihm Soutine, dass seine Frau schließlich nicht sein Eigentum wäre, er selbst jedoch die mit einer kräftig roten Jacke und einem weißen Rock gekleidete Liegende als Modell bräuchte.

Der entrüstete Eisenbahner würde im wohl Grab rotieren, wüsste er, dass das Abbild seiner Frau heutzutage auf 500-bis 700.000 Pfund geschätzt ist. Ein weiteres, im südfranzösischen Vence gemaltes Bild zeigt einen Schatten spendenden Baum: L'arbre de Vence aus dem Jahre 1929 hing im Esszimmer von Marcellin und Madeleine Castaing. Taxe ebenfalls 500- bis 700.000 Pfund.

Ein drittes, im Park von Lèves 1931 entstandenes Gemälde zeigt eine ins Wasser tretende, ihr Unterhemd lüpfende Badende (Femme en- trant dans l'eau).

Für das wegen seiner klobigen Morphologie kommerziell weniger aussichtsreiche Sujet werden nur 350- bis 500.000 Pfund erwartet. Im Verhältnis zu den letzten New Yorker Rekorden erscheinen die Preise für Chaim Soutine nicht gerade Schwindel erregend.

Sein bisheriger Rekord (1,54 Mio. Pfund) stammt aus dem Jahre 1997 und kam wohl nur deshalb zustande, da es kaum Gemälde des Mitbegründers der Ecole de Paris auf dem Markt gibt. Er selbst zerstörte viele, der legendäre Dr. Barnes erwarb in den 20er-Jahren einhundert Gemälde, und der Rest befindet sich in Museen.

Madeleine Castaing, die Sotheby's-Generaldirektor für Frankreich und Deutschland, Philipp Württemberg, als eine "Art französischer Karl Lagerfeld" bezeichnet, eröffnete nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris ein Antiquitätengeschäft und dekorierte es im "Castaing-Stil" mit einem kunterbunten Stilmix von Biedermeier, russischen und englischen Möbeln, Stoffen und Tischlampen. Dominierender Ton des Interieurs war ein leicht türkis getöntes Blau. Die "Diva der Rue Jacob", wie Madeleine von Paris bis New York genannt wurde, richtete auch ihr Landhaus im "Castaing-Stil" ein. Sein Mobiliar und die vom Antiquitätengeschäft verbliebenen Einrichtungsgegenstände werden von Sotheby's am 22. September in Paris versteigert.

Madeleine's Enkel, Frédéric Castaing, der Sotheby's mit der Abwicklung des Nachlasses beauftragte, ist Autografenhändler, nebenbei Krimi-autor bei Gallimard und derzeit Präsident des französischen Antiquariatsverbands.
(DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2004)

Von
Olga Grimm-Weissert

Link

www.sothebys.com
  • Chaim Soutines "La Sieste" von 1931 aus der Sammlung Castaing (Ausschnitt)
    foto: sotheby's

    Chaim Soutines "La Sieste" von 1931 aus der Sammlung Castaing (Ausschnitt)

Share if you care.