Zerbrochen am Nazitum

3. Juni 2004, 07:00
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Die antifaschistische Künstlerin Helen Ernst in einem Porträt zu ihrem 100. Geburtstag

Das Leben von Helen Ernst erscheint widersprüchlich. Als avantgardistische Künstlerin, befasst mit Modedesign und moderner Grafik mitten im Zentrum der kulturellen Szene des Berlin der "Goldenen 20er-Jahre" möchte eine gewisse Leichtigkeit oder sogar Oberflächlichkeit vermutet werden. Wäre da nicht die andere Seite ihrer Persönlichkeit: die Antifaschistin, engagiert in der ArbeiterInnen-Bewegung, Aktivistin der KPD und KZ-Häftling in Ravensbrück.

Bürgerliche Wurzeln

Als uneheliche Tochter eines Sekretärs des Kaiserlichen Konsulats, Otto Ernst, und seiner Hausangestellten Bernadine Ebermann 1904 in Athen geboren, muss Helen sehr bald ohne Mutter zurecht kommen, die von ihrem Vater aus Standesdünkel verstoßen wurde. Dieses traumatische Erlebnis begleitet sie ihr Leben lang. Als sie als Jugendliche der Mutter zufällig begegnet, ist sie aufgrund deren ärmlichen Daseins als Fabriksarbeiterin schockiert und setzt sich später politisch für die Gleichstellung der Menschen ein.

Indes lässt ihr der Vater eine gutbürgerliche Erziehung angedeihen: sie besucht die evangelische Höhere Töchterschule in Stuttgart und eine Haushaltungsschule in Berlin. Nach dem Bruch mit dem Vater absolviert sie ein Kunststudium und verdient ihren Lebensunterhalt als Lehrerin einer Kunstgewerbe- und Handwerksschule in Berlin. Gleichzeitig ist sie freiberuflich für die linke Presse als Zeichnerin tätig und arbeitet ebenso als Grafikerin, Kostüm- und Modeberaterin.

Politischer Aktionismus

Doch sehr bald hat sie es satt, "ausschließlich zur Belustigung der besseren Gesellschaft" tätig zu sein. Sie schließt sich der ArbeiterInnen-Bewegung an, macht Basisarbeit für die KPD und in der Roten Hilfe. Ab 1934 publiziert sie politische Zeichnungen für verschiedene kritische Zeitungen; unter dem Pseudonym "Skorpio" solche über Konzentrationslager.

Bereits 1933 war sie von der Gestapo verhaftet worden, sie emigriert in die Niederlande, wo sie 1940 ein zweites Mal wegen "antideutscher Hetzpropaganda" in Gefangenschaft kommt. Kurz darauf wird Helen Ernst ins Frauenlager Ravensbrück deportiert. Sie überlebt, doch Jahre später zerbricht sie daran sowohl psychisch als auch physisch. In einem Brief an ihren Freund Hans Grundig schreibt sie am 5. Oktober 1947:

"... was ich jetzt arbeite, werden immer wieder Dokumentarzeichnungen aus dem KZ. Ich muß es heraustun,... dies Erlebnis, das Sehen dieser Menschen und dieser Umgebung ist so einschneidend, hat mich so dicht an den seelischen Abgrund gebracht, daß ich es erst einmal bildlich loswerden muß".

Helen Ernst stirbt am 26. März 1948 an der Lagerkrankheit TBC in Schwerin. (dabu)

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    Helen Ernst
    Geboren am 10. März 1904 in Athen
    Gestorben am 26. März 1948 in Schwerin
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