"Ich habe zu viel Kummer"

7. Juni 2004, 18:14
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Jean-Louis Trintignant gedenkt seiner verstorbenen Tochter Marie in einem Rezital

Die Absenz ist fast körperlich spürbar. Vor vier Jahren standen Vater und Tochter noch gemeinsam auf der Bühne und trugen Apollinaires Liebesgedichte von der Front des Ersten Weltkrieges in einem fast spielerischen Dialog vor. Jetzt bleibt nur ein Monolog möglich. Ein trauriger Monolog.

Ein sichtlich gealterter Jean-Louis Trintignant sitzt auf der Bühne allein an einem Tisch, um die teilweise gleichen Strophen wie mit Marie herzusagen. Doch das Echo bleibt stumm. Frankreichs Charakterschauspieler kann sich nicht mehr mit seiner Gesprächspartnerin abwechseln und muss deshalb mit zwei Musikern vorlieb nehmen, einem Akkordeonspieler und einem Cellisten, die die einzelnen Gedichte mit oft ebenso kurzen - passenden wie packenden - Kompositionen von Erik Satie untermalen.

Marie Trintignant wurde im August letzten Jahres in der litauischen Hauptstadt Vilnius von ihrem Partner Bertrand Cantat bei einem nächtlichen Streit erschlagen. Der Rocksänger erhielt deshalb unlängst acht Jahre Haft. Die Familie Trintignant fuhr in ihrer Trauer grobes Mediengeschütz gegen den (noch nicht letztinstanzlich) Verurteilten auf; insbesondere Maries Mutter Nadine schrieb ein hasserfülltes Buch gegen Cantat.

Jean-Louis Trintignant, seit seinen Truffaut-Filmen der bekannteste der Schauspielerfamilie, hüllte sich hingegen stets in Schweigen. Bei der Beerdigung seiner Tochter vermochte er nicht einmal die Totenrede zu beenden.

Auch heute noch überwältigt ihn bisweilen das bare Trauern, wenn er die gleichen Poèmes à Lou vorliest, die er sich vor vier Jahren mit seiner angebetenen Tochter geteilt hatte. Wobei er jetzt nur so tut, als würde er vorlesen, indem er seinen Blick auf den Tisch gesenkt hält. Der Schauspieler kann die Texte längst auswendig und hat sie verinnerlicht. Seine Augen huschen nicht über die Zeilen des aufgeschlagenen Buches, sondern folgen seiner rechten Hand, deren Zeigefinger imaginäre Zeilen auf die Tischoberfläche schreibt - Zeilen schmerzlicher Liebe, zärtlicher Liebe, erotischer Liebe, lebendiger Liebe. "Ich habe zu viel Kummer, ich habe sie zu sehr geliebt", schrieb Guillaume Apollinaire (1880-1918) an seine Lou, aber wenn Trintignant solche Sätze sagt, wissen alle im Madeleine-Theater, an wen sie sich in Wirklichkeit richten.

"Wie soll ich sie bloß vergessen?", fragt Trintignant, ohne Marie ein einziges Mal namentlich zu erwähnen, und fügt fast resigniert an: "Wir werden uns auf dieser Erde nicht mehr sehen." Der Finger bleibt stehen, bohrt sich fast in die Tischplatte. Der Vaterschmerz lässt Trintignants warmes und nasales Timbre zittern, manchmal bricht seine Stimme ganz, um sich nur mit Mühe wieder aufzurichten an den Liebesversen.

Stimme vom Tonband

Plötzlich ist Marie Trintignants Stimme selber zu hören. Es ist eine Tonaufnahme aus früheren Zeiten, als sie mit ihrem Vater die Gedichte nicht nur auf der Bühne, sondern auch via Kassetten austauschte. Der 73-jährige Vater fällt ein, flüstert ein paar ihrer Worte nach, wiederholt ein "mon amour". Der dramaturgische Griff mit Mariens Stimme wirkt indessen aufgesetzt. Denn die Tochter ist auch ohne ihre Stimme präsent, und nicht nur für den Vater lebt sie für eine Stunde ein wenig auf.

Trintignant sagte zwar in einem Interview mit der Zeitschrift Figaro Madame, er lebe nicht gerne in der Vergangenheit. Doch gegen Schluss des Gesprächs räumt er ein, er habe Marie mehr als alles andere geliebt, und das Leben falle ihm seit ihrem Tod schwer. "In Wahrheit interessiert mich nichts mehr", gesteht Trintignant. "Ich habe versucht zu schreiben, aber ich schaffe es nicht, ich habe zu viel Wut in mir. Gedichte wiederzugeben, Worte von anderen zu gebrauchen, zumal sie schöner sind als alles, was ich schreibe, das kann ich zweifellos noch am besten tun." Das kann Trintignant wirklich bestens. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2004)

Von
Stefan Brändle aus Paris
  • Jean Louis Trintignant und seine Ex-Frau Nadine Trintignant bei der Beerdigung ihrer Tochter.
    foto: olivier hoslet

    Jean Louis Trintignant und seine Ex-Frau Nadine Trintignant bei der Beerdigung ihrer Tochter.

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