Laufbekanntschaft

1. Juni 2004, 16:09
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Es sind Kleinigkeiten. Aber die, meint F. würden in Summe dazu führen, dass er G. nicht wählen kann ...

Es sind Kleinigkeiten. Aber die, meint F. würden in Summe dazu führen, dass er G. nicht wählen kann. Und das, sagt F., läge nicht an G.s Politik: Die, sagt F., sei nämlich noch im akzeptablen Drittel des heimischen Spektrums. Aber – darauf haben wir, also F. und ich, uns geeinigt, kurz nachdem wir auf G. gestoßen sind – wir reden nicht über Politik. Dafür ist uns unsere Puste zu schade. Über Wetter, Musik, Mädchen, Fernsehserien, Clubs und Restaurants oder Filme können F. und ich plaudern wenn wir nebeneinander hertraben. Eigentlich über ziemlich alles. Nur ein Thema lassen wir aus: Politik. Zumindest die der Parteien und Funktionäre. Und das nicht, weil F. und mich ideologische Welten trennen würden. Im Grunde , meinte F. einmal, müsste er G. ja dankbar sein. Denn ganz ohne Phrasendrescherei, Floskelitis oder Slogandiarrhoe hat er uns gezeigt, dass es um Kleinigkeiten geht. Es genügt, G. alle paar Tage im Park zu sehen. Beim Laufen.

G. ist Politiker. Kein unwichtiger. Er ist Chef der größten österreichischen Oppositionspartei. Alle paar Tage läuft G. F. und mir über den Weg: F. und ich haben in etwa den gleichen Laufrhythmus, parallele Laufzeiten und ähnliche Routen. Und wenn wir einander – immer zufällig – in der Früh auf der Mariahilfer Straße über den Weg laufen, stehen die Chancen gut, wenige Minuten später im Volksgarten auf G. zu treffen. G. zieht dort seine Morgenrunde. Mit einem Buddy, der – sagten die Kollegen aus der Innenpolitikredaktion nach einer groben Personenbeschreibung – P. sein dürfte. P. ist Wehrsprecher in G.s Partei.

Langsam aber stetig

Die beiden Politiker laufen nicht schnell. Aber darum, sind G. und ich uns einig, geht es nicht: Immerhin bewegen sie sich – und sind im Gegensatz zu manch anderem Volksvertreter auch keine Show- oder Schauläufer, die sich nur dort, wo Kameras oder zumindest Publikum zu erwarten ist, sportlich gerieren. Eher im Gegenteil: G. und P. laufen ziemlich unbemerkt – sogar dann, wenn sie damit ganz nebenbei und ohne Mehraufwand politisch punkten könnten. F. wird heute noch ärgerlich, wenn er daran zurückdenkt.

Vor Ewigkeiten nämlich, als in Wien einmal gestreikt wurde, trafen wir G. und P. auch auf ihrer morgentlich-einsamen Parkrunde. Wir hatten schon ein paar Straßen und Parks mehr hinter uns und waren überall an der Ringstraße auf Streikposten getroffen. Warum G. denn seine Runde nicht vom Park an den Ring verlege, fragten wir (es war das erste Mal, dass wir G. ansprachen). Die Streikposten an den Kreuzungen hätten sich schließlich schon über unsere Nobody-Gutenmorgengrüße gefreut wie kleine Kinder über Schokolade.

Lieber im Anzug

G. lächelte uns freundlich an und antwortete: In zwei, drei Stunden sei ohnehin die große Kundgebung. Dort würde er dann vom Podium zu den Menschen sprechen. Im Anzug. Das sei besser, als verschwitzt und im Sportdress zu grüßen. F. beschleunigte. Außer Hörweite begann er zu fluchen: Er sei Marketingmensch, sagte F. Und G. täte seiner Profi-Seele weh. Ob ich sicher sei, dass der Mann Wahlen gewinnen wolle? Seit damals reden wir beim Laufen nicht mehr über Politik.

Neulich, G. und P waren gerade wieder an uns vorbeigekommen, blieb F. dann aber mitten im Schritt stehen. Wie angewurzelt. Ob ich das gerade gesehen hätte, fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf: Um sieben Uhr in der Früh sehe ich eher wenig. F. zeigte auf G.s Rücken. Der entfernte sich gemächlich trabend von uns. G. trug eine quietschblaue Jacke. F. wendete und nahm die Verfolgung auf. Da sah ich es auch: Auf G.s Jacke prangte ein Sponsorlogo. Eine Zigarettenfirma. Es war wenige Tage vor dem Weltnichtrauchertag: Die Zeitungen verkündeten in großen Lettern, dass Wissenschafter und Politiker entsetzt seien, weil jeder x-te 13-jährige regelmäßig zur Zigarette greife.

Stolperstein

F. sprang über eine der quer zu unserem Trampelpfad entlang der Rosenbeete aufgestellten Parkbänke: Solche Dinge, schnaufte er dabei, sind nur Kleinigkeiten. Im Grunde unwichtige Details. Ärgerliche und unnötige Fehler. Geboren aus banaler Gedankenlosigkeit. Andere würden mit den Schultern zucken. Aber für ihn, sagte F., sei die Summe der Details wahlentscheidend: Und wenn jemand schon auf Nebensächlichkeiten so wenig Bedacht lege wie G. auf die Aufschrift seiner Jacke, sagt F., könne er doch nicht erwarten, dass er – F. – ihm große und wichtige Dinge anvertrauen würde.

Im Burggarten trafen wir G. und P. wieder. Wir wünschten ihnen einen guten Morgen. Die Politiker grüßten höflich zurück.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas RottenbergJede Woche auf derStandard.at/Panorama

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