Die Intensität der Inspiration

7. Juni 2004, 19:24
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Jazz-Saxofonist und -Komponist David Murray zeigt Wege aus der konservativen Sackgasse

Wien - Ende der 80er-Jahre wurde er noch als Gegenfigur zu Wynton Marsalis gehandelt, als Wortführer eines jazzigen "Neoklassizimus", der die Tradition afroamerikanischer Musik aus der Perspektive des Free Jazz beleuchtete. 15 Jahre später ist klar, dass sich Marsalis' "klassizistischer" Purismus, der die Jazzgeschichte ab den 60ern als "Degeneration" interpretiert und folglich ignoriert, durchgesetzt hat. Murrays Einfluss scheint verpufft, junge Afroamerikaner, deren musikalische Ästhetik freie Improvisation zumindest nicht ausschließt, sind rar.

"Das ist ein Mann, der eine große Publicity-Maschinerie hinter sich hat", sucht der 49-Jährige das Phänomen Marsalis zu erklären. Dennoch: Gibt es nicht auch andere Gründe für die neue Konservativität des Jazz? Etwa, dass afroamerikanische Musiker in der endlich spürbaren Anerkennung "ihrer" kulturellen Leistung eher zur bewahrenden Haltung gegenüber derselben neigen?

Murray: "In diesem Sinne bin wohl auch ich Traditionalist. Für mich schwingt in der Musik immer ihre Geschichte mit: das Leid der versklavten Afrikaner, deren Stolz gebrochen wurde. Meiner Meinung nach bedeutet das Bewusstsein dieser kollektiven Erfahrung in rein schwarzen Bands eine bestimmte, verbal nicht fassbare Qualität. Die Vergangenheit kann allerdings auch die Basis für Avantgardemusik sein."

Dass Murray, der heute in Paris lebt, nicht (mehr) der Wortführer ist, als der er in den 80ern zuweilen gesehen wurde, dies hat freilich auch mit ihm selbst zu tun. Paradoxerweise war es der zu große CD-Output, der in den 90er-Jahren seine Karriere-Energien zerfledderte: Erschien doch damals eine Flut an mittelmäßigen Einspielungen, die erst seit dem Senegal-Projekt Fo Deuk Revue (1996), in dessen Folge er den afroamerikanischen Kulturraum vom Gospel über die kreolische Tradition der Karibik bis zur Musik Kubas durchforschte, wieder an Kontur gewann.

Das erste CD-Resultat letzterer Station, das Bigband-Opus Now Is Another Time, präsentierte Murray kürzlich auch im Wiener Porgy & Bess. "Abwechslung hilft, der Routine vorzubeugen", lautet indessen seine nüchterne Erklärung. "Das kreolische Projekt ergab sich, weil Klod Kiavué, der Sänger und Trommler aus Guadeloupe, der Schwager meiner Frau ist; und nach Kuba kam ich an sich zum Urlauben. Einem systematischen Studium der Traditionen stünden hier auch die Musiker im Weg. Die wollen modernen Jazz spielen - und nicht die alten kubanischen Tänze für die Touristen."

Zu hören sind gediegene, dichte Orchesterparts, durchbrochen von eruptiven solistischen Ekstasemomenten Murrays und einigen alten Mitstreitern, etwa dem "World Saxophone Quartet"-Kollegen Hamiett Bluiett.

Derselbe Geist der Intensität durchweht auch das brandneue Album Gwotet (ebenfalls: Justin Time/Extraplatte), das dritte Dokument des Guadeloupe-Projekts: Karibische Gesänge und Rhythmen sowie Bigband-Sätze werden von schmissigen Funk- und R&B-Grooves vorangetrieben, Pharoah Sanders' himmelwärts strebende Saxofon-Orgiastik erzeugt Gänsehaut. Und veredelt ein wohltuend nonpuristisches, kraftvolles Statement zeitgenössischer Improvisationsmusik, das sich insbesondere Herr Marsalis und seine zahlreichen Jünger im Geiste gut anhören sollten. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.6.2004)

Von
Andreas Felber
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    "Abwechslung hilft, der Routine vorzubeugen", sagt David Murray ...

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    ...und zeigt mit seinem phänomenalen neuen Album "Gwotet", was Improvisation auch heute vermag.

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