Zwölf minus

4. Juni 2004, 12:38
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In Martin Amanshausers neuem Roman schlägt sich ein US-Präsidentenenkel mit zwölf Fingern durch eine zehnfingrige Welt

Die gute Nachricht: Die an der Buchrückseite angebrachte Reibfläche funktioniert wirklich. Und im Gegensatz zu den bei Streichholzbriefchen in Normalgröße üblichen Problemen mit Abrieb, Verwindung und durch die Kleinheit des Objektes bedingte Probleme, genügend Reibung / Druck zu erzeugen, bietet der Buchrücken genügend Platz und Widerstand, auch das widerborstigste Zündholz zum Entflammen zu bringen. Auf dem Wohnzimmercouchtisch macht es sich gut - und rauchender Besuch ist beeindruckt.

Die schlechte Nachricht: Das ist schon alles, was an Chicken Christl, Martin Amanshausers neuem Roman, zündend wirkt, Funken sprühen lässt, entflammt oder auch nur knistert. Und trotzdem ist nach der Lektüre des dritten Romans des Wiener Romanciers und Dichters nicht so ganz klar, wo da der Löschschaum mit den Brandbeschleunigern verwechselt worden ist. Denn im Prinzip wartet die Erzählung darüber, wie der Enkel eines legendären zwölffingrigen US-Präsidenten mit burgenländischen Wurzeln - Major Koegl - unfreiwillig zum Idol einer gentechnisch versierten Sekte wird, die dem verstorbenen Präsidenten nachweint, mit allem auf, was Amanshausers Stadtkrimi Im Magen einer kranken Hyäne (1997) sowie seine beiden Romane Erdnussbutter (1998) und Nil (2001) liebens- und lesenswert machte: ein unsicher durchs Leben staksender, in weltlichen und libidinösen Angelegenheiten nicht unbedingt sattelfester oder selbstsicherer Icherzähler (Mika Koegl, wie der Großvater zwölf- statt zehnfingrig). Eine kranke oder psychisch und mental zumindest leicht angetitschte Sippschaft rundherum. Frauen, die dem Helden intellektuell haushoch überlegen sind. Falsche Freunde. Verschwörungen, absurde Wendungen und ein paar Querpässe zu aktuellen gesellschaftlichen wie politischen Geschehnissen.

Bloß während etwa in Nil höhnische Verweise auf Schwarz-Blau I durchaus zur Verankerung des Geschehens im Jetzt und Hier beitragen, bewirken sie bei Chicken Christl genau das Gegenteil: Zu sehr an den Haaren herbeigezogen, aber dann doch nicht komisch oder absurd genug scheint die Burgenland- und Hühnerzucht-Ursprungsgeschichte des präsidialen Großvaters. Gänzlich unüberzeugend und bis zum Schluss geradezu unmotiviert - obwohl doch Kern und Auslöser sämtlicher Verstrickungen, Entführungen und Verwicklungen - wirkt der Gag mit den zwölf Fingern. Und die Volte, eine sektiererische Wissenschafterclique behaupten zu lassen, das Klonen von Menschen sei längst keine Kunst mehr, kommt nach zwei dahinplätschernden Dritteln eines orientierungslosen Buches zwar unerwartet, aber ungefähr so überraschend wie das Ende einer späten Columbo-Folge: Amanshauser zeigt nicht mit einem, sondern mit zwölf Fingern alle paar Seiten auf das, was sein Held erst ganz am Schluss erkennt - und worin er sich schlussendlich sogar fügt: der Klon seines Großvaters und folglich der legitime Kopf der diesem hörigen Sekte zu sein.

Freilich wäre ein nicht überzeugender Plot an sich noch kein Grund, ein Buch statt ins Regal als Reibfläche auf den Couchtisch zu legen: Schließlich führte Amanshauser in seinen Gedichtbänden 100.000 verkaufte Exemplare (2002) und in der todesstunde von alfons afred schmidt (2000) sehr schön vor, dass es mitunter weniger darauf ankommt, was man erzählt, als wie man es tut. Doch Chicken Christl ist auch was Wortwitz und Formulierkunst angeht alles andere als ein Feuerwerk. Da ist nicht einmal ein Glimmen auszumachen. Vielleicht ja auch, weil der Autor zu viel wollte: Auch wer mit zehn Fingern sehr gut schreiben kann, wird und muss am Versuch, dem Publikum vorzumachen, er schreibe mit zwölf, scheitern. Und sich am kalten Feuer ein paar Finger verbrennen - vielleicht sogar jene zwölf, die er nicht hat. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 29./30./31.5.2004)

Von Thomas Rottenberg
  • Martin Amanshauser, Chicken Christl€ 17,90/200 Seiten. Deuticke, Wien 2004.
    foto: buchcover

    Martin Amanshauser,
    Chicken Christl
    € 17,90/200 Seiten.
    Deuticke, Wien 2004.

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