Piloten, Götter, Programmierer

4. Juni 2004, 12:38
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Liesl Ujvary seziert die Welt der Codierer und Networker - ihre Figuren treiben durch simulierte, imaginierte, wahrhaftige Sphären der Macht

Im Zustand der absoluten Kontrolliertheit, inmitten eines Machtgestricks, ist technisch so gut wie alles möglich und moralisch schon sehr viel.
Das Einzelbewusstsein ist ein Rädchen. Das wird gedreht, wie der Wind weht, und manchmal lockert sich eine Schraube: "Ich bin ein Sicherheitsrisiko", sagt es, und überschätzt sich dabei. Denn im Innovationswettbewerb wird sie sofort ersetzt.

Die sensorischen Apparate des optimierten Einzelbewusstseins sind verdichtet – ganz wie Postmoderne-Vertreter es beschworen haben, sind sie biologisch mutiert, geschärft für einströmende Datenkomplexität. Vielleicht sind aber auch die Messinstrumente gemeint. Denn restlos alles Menschliche bis hin zum Gedanken gestaltet Liesl Ujvary in ihrem letzten Werk "Kontrollierte Spiele. 7 Artefakte" als cyborghafte Organverlängerung. Die Dispositive der Wachstumsmöglichkeiten dienen zugleich als "Laboratorium" desselben. Das Lab sind durchkartografierte Felder technisch und informationell durchdrungener Landschaften: Arbeitsplätze, Durchgänge, Haltestationen, Portale. Beim Flug über Meere, Zonen und Tabus agiert das Gehirn nicht als Symbolverarbeiter, sondern als Wirklichkeitsgenerator inmitten eines "Netzes, in dem ich lebe", nahe der Wittgensteinschen Paraphrase 'Sprache als Weltgrenze'. Diskursiv auszuweiten, kontrahierbar, je nach Subtilität des Sprachspiels. Aber auch abhängig von der Position dessen, der da Codes generiert.

Von daher geben Sätze wie "Es ist nur so, dass du das System unterläufst" eher einem epiphänomenalen mentalen Wuchs Ausdruck, der bei jedem einmal einfach so daher kommt, als Abweichung. Innersystemisch erscheint er als nicht-konforn, krankhaft, feindlich, chancenlos. Wo alles von Künstlichkeit und Macht durchdringen ist, bleibt "Krankhaft" haften als das menschliche Moment schlechthin.

Tendenziös: Psychologische Science Fiction

So verhalten diese Anspielungen sind, so tendenziös es sich bei diesem Buch um eine "psychologische science fiction" handelt, gelingt es Liesl Ujvary in den 7 Texten sensibel die Grenzen zwischen Zukunft und Gegenwart zu verwischen – und so befinden wir uns mittendrin, in einem Rausch ohne Anfang und Ende aus wuchernden Diskursen, Codes, Programmiertechniken- und Materialien, sind wir Rädchen alle Assistenten für Maschinen-Denken. Schick, denn bedeutungsschwer für das Ego ist die Bezeichnung "Interfacer". Nach einem selbst geht es noch weiter, das klingt nach einem echten Sinn des Daseins …

Dabei liefern die Inputs für den Vernetzungswust natürlich Entscheidungsinstanzen. Ujvary moduliert die Bewusstseinsmechaniker mit Metaphern wie "Pilot" und "Programmierer". Als Code-Geber, Spiele-Schaffer ist letzterer Allegorie für Gott und Symbol für Macht, ersterer für Raum-Kontrolleur und Simulationsprofi. Als Machtkonzentrate investieren sie in den Status quo. Das kleine Bewusstseinsrädchen verkörpert dagegen paradoxe Denk-Möglichkeiten des Andersartigen - gedanklich ist bekanntlich nichts verboten. Ujvary wie immer also extrem technophil, sehr politisch.

Eine Art Realismus

Da diese Autorin alle gängigen Theorien intus hat, was ihre Bücher nämlich ausspucken, bleibt die Frage der literaturwissenschaftlichen Einordnung ein kleines Fressen. Provokant könnte man das, was Ujvary liefert, auch als neuen Realismus verstehen. Er fußt auf einem klaren erkenntnistheoretischen Bewusstsein: "Immer sind es die dominanten wissenschaftlichen Diskurse als erste und letzte Instanz, die Beschreibungsmöglichkeiten liefern", heißt es kritisch in "Kontrollierte Spiele", dem ersten Text, der als Art Metareport für die kommenden sechs gelten mag. Keine Wirklichkeitsmodelle will sie überbieten, trotzdem ist jeder Gedanke theoretisch. Und natürlich selbstredend an das eigene Sprachspiel gebunden. Ujvarys Bewusstseinsfiguren wissen extrem viel, zuallererst aber, dass sie nur sind, was sie sind: Rädchengehirne mit begrenzten Horizonten. (Marietta Böning)

Buchtipp:
Liesl Ujvary: Kontrollierte Spiele –
7 Arteakte, Wien: Sonderzahl 2002,
ISBN 3 85449 202 2, 120 Seiten.

CD 7 Artefakte
Akustische Edition zu zum Buch.
Die Musik besteht aus akustischem Material, gewonnen aus den gesprochenen Texten. Wien Sonderzahl Verlag; 62,40 Min.

Bestellung unter
alien.mur.at/ujvary/

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