Vom Mars zur Venus

1. September 2004, 13:22
1 Posting

Die erste europäische Mission zum von Wolken verhüllten Planeten ist quasi eine Recycling-Mission

Wien - Mit dem seltenen Himmelsphänomen "Venus-Durchgang" am 8. Juni tritt nach dem Mars nun der zweite Nachbarplanet der Erde in den Mittelpunkt des Interesses. Dies gilt auch für die Raumfahrt, startet doch Ende Oktober 2005 die erste europäische Sonde zur Venus. Projektleiter ist - wie schon bei "Mars Express" - der Österreicher Rudolf Schmidt. Das ist kein Zufall, denn bei "Venus Express" handelt es sich quasi um eine Recycling-Mission, die nicht nur die gleiche Grundkonstruktion wie "Mars Express" verwendet, sondern auch etliche für die Mars-Sonde sowie die Kometen-Mission "Rosetta" gebaute Reserve-Instrumente nutzt.

"Das Konzept, diese Instrumente - zum Teil für die Venus adaptiert - zu verwenden, war das Argument dafür, dass man sich 'Venus-Express' überhaupt leisten konnte, weil dadurch die Sonde relativ billig ist. Außerdem war das die einzige Möglichkeit, die Mission so schnell umzusetzen", erklärte Schmidt im Gespräch. Laut Schmidt betragen die Kosten für die Venus-Sonde knapp 200 Mio. Euro, deutlich billiger als "Mars-Express" (rund 300 Mio. Euro) oder frühere US-Missionen.

Start

Geplanter Start der Sonde ist am 26. Oktober 2005, geflogen wird wieder mit einer russischen Sojus-Rakete von Baikonur (Kasachstan) aus. Das Raumfahrzeug wird fünf Monate bis zur Venus benötigen und soll dann in eine polare Umlaufbahn um den Planeten einschwenken. Die Missions-Dauer ist für 500 Erden-Tage angelegt, was - auf Grund der langsamen Eigendrehung des Planeten - nur rund zwei Venus-Tagen entspricht.

Der letzte Besuch eines Raumfahrzeugs bei der Venus liegt schon einige Zeit zurück, von 1990 bis 1994 lieferte die US-Sonde "Magellan" sensationelle Daten von dem Planeten. "Die Venus hat offenbar weniger Sex-Appeal als der Mars", begründet Schmidt die lange Abstinenz der Wissenschaft. Kein Wunder, zeigt sich die Venus doch verhüllter als der nahezu atmosphärelose Rote Planet. Dicke Wolkenschichten verbergen den direkten Blick auf die Oberfläche und auch die Umweltbedingungen sind extremer als am Mars.

Extremer Treibhauseffekt

Durch einen extremen Treibhauseffekt hat sich der Planet auf bis zu 500 Grad aufgeheizt, der Druck liegt um rund das 90-fache über dem auf der Erde. Doch gerade diese Bedingungen interessieren die Forscher: "Wir haben mit Venus, Erde und Mars drei Planeten, die im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte in völlig unterschiedliche Richtungen gegangen sind: die Venus mit ihrem Treibhauseffekt, der Mars, der seine Atmosphäre fast verloren hat und auskühlte sowie die Erde mit idealen Bedingungen für Leben", erklärt Schmidt.

Die ESA sei die einzige Einrichtung, die alle drei Planeten ungefähr zur gleichen Zeit mit nahezu den gleichen Instrumenten untersucht - und davon erhoffe man sich Antwort auf die Frage, "wie sich die Erde in einem erdgeschichtlichen Zeitrahmen von Millionen Jahren entwickeln wird".

Keine Landeeinheit geplant

Dazu wird "Venus Express" mit sieben Instrumenten erstmals die komplette Atmosphäre des Planeten untersuchen und sich speziell dem Treibhauseffekt und den starken Stürmen in der Gashülle widmen. Es soll auch geklärt werden, warum die Venus so langsam rotiert und ein so schwaches Magnetfeld hat. "Einen solchen Blickwinkel, wie mit diesem bereits am Mars bewährtem Instrumentenmix haben wir noch nie gehabt", betonte Schmidt.

Eine Landeeinheit ist bei "Venus Express" nicht vorgesehen. "Der große Zeitdruck für die Mission" sei der Hauptgrund für diese Entscheidung, sagte Schmidt. Beim Scheitern der geplanten Mars-Landeseinheit "Beagle" habe man gelernt, dass man für Entwicklung und Bau eines Landegerät ausreichend Zeit benötige.

Leben

Auch die permanente Suche nach Leben wird bei der Venus-Mission eine Rolle spielen. "Wir nehmen nicht an, dass es auf der Oberfläche des Planeten Leben gibt, aber in einer gewissen Höhe der Atmosphäre gibt es eine Schicht mit vergleichsweise harmlosen Bedingungen, und manche Wissenschafter spekulieren damit, dass sich dort fliegendes Leben in Form von Bakterien oder Einzellern entwickelt haben könnte", erklärte Schmidt. Die ESA-Sonde könnte Hinweise darauf finden, weil sie die chemische Zusammensetzung dieser Schicht viel genauer untersuchen kann als von der Erde aus und auch Spurengase feststellen kann. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.