Andy Markovits: "Bin kein Schönwetterfan"

9. Dezember 2004, 19:35
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Der Politikwissenschafter und "Soccer"-Experte aus den USA schaute sich in der Standard-Sportredaktion das Champions-League-Finale an

Wien - Andy Markovits, Professor an der Universität von Ann Arbor, Michigan, macht man in Sachen Fußball nichts vor, der Mann ist vom Fach. In seinem Buch "Im Abseits: Fußball in der amerikanischen Sportkultur" (Hamburger Edition, 2002) erforschte der 55-Jährige zuletzt, warum sich der Fußball in seiner Wahlheimat USA nie durchsetzen konnte.

Markovits, den "University of Michigan"-Kapuzenpulli locker um den Leib geschwungen, sind sowohl Monaco als auch Porto eher wurscht, er hätte sich andere Teams im Finale gewünscht. "Ich bin sicher kein Schönwetterfan. Ich hätte lieber meine alte Liebe gesehen: ManU." Am 6. Februar 1958 war die Mannschaft von Manchester United nach einem Europacupspiel mit dem Flugzeug abgestürzt, viele Spieler starben. Für den jungen Markovits ein traumatisches Erlebnis. "Als Kind einer Familie von Holocaust-Überlebenden konntest du nur für englische Teams sein." Während Markovits in Erinnerungen schwelgt, erzielt Carlos Alberto die Führung für Porto (39.). Erste Anzeichen der Erregung, der Professor kippt ins Englische. Wie sich bald herausstellt, passiert das immer, wenn er sich aufregt: "Oh my god! What happened to the defense!?" Das Spiel beruhigt sich wieder, Markovits erzählt über seinen ersten Stadionbesuch in Österreich, in das seine Familie in den Fünfzigern aus dem rumänischen Temesvar auswanderte. Ein besonderes Match: das 7:0 des Wiener Sportclubs über die große Juventus am ersten Oktober 1958. Noch heute kennt er die Aufstellung der Dornbacher auswendig. Aber es gab damals ein Problem.

Die Leute haben gesagt: "Ein jüdischer Bub als Sportklub-Anhänger? Das geht nicht." Die Dornbacher hatten schon vor dem Anschluss 1938 als besonders nazifreundlich gegolten, nach dem Krieg füllten viele "Ehemalige" die Tribünen in Hernals. Markovits wandte sich fortan der Austria zu, der großen Liebe seines Vaters. Mit dem war er auch 1966 in Wembley, als Geoff Hurst jenes Tor zum 3:2 (Endstand 4:2) erzielte, über dessen Gültigkeit Engländer wie Deutsche bis heute diskutieren. War er drin, Herr Markovits? "Natürlich war er drin."

In Gelsenkirchen ist Halbzeit, als Herbert Prohaska zur TV-Analyse schreitet, wird Markovits aufgeregt: "Ist das der Schneckerl? My god!" Das violette Herz schlägt noch. Und das, obwohl er den ehemaligen Regisseur der Favoritner nie spielen gesehen hat, weil er zu diesem Zeitpunkt längst in den USA lebte. Unter historisch wird das Match im TV eher nicht in die Geschichte eingehen, nach dem 2:0 für Porto (Deco, 71.) ist die Partie gelaufen. In der Fürstenloge tobt Prinz Albert, Vater Rainier ist schon eingeschlafen. Vier Minuten später fixiert Alenitschew mit einem sehenswerten Schuss den 3:0-Endstand. Der Professor wird doch noch richtig euphorisch: "Oh my god, what a goal!" schreit er, und das gleich viermal hintereinander. Andy Markovits ist zufrieden: "Ein verdienter Sieg."

Jetzt könnte man freilich noch stundenlang reden über die Entwicklung der Austria unter Frank Stronach oder warum der Sportklub heute den linkesten Anhang von ganz Wien hat. Aber irgendwann muss es gut sein. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 28. Mai 2004, Klaus Stimeder)

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