"Dann ist es rausgesprudelt wie ein Wahnsinn"

3. Juni 2004, 19:20
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Der Hallen füllende deutsche Standup- Comedian Michael Mittermeier über seine neue CD "Paranoid"

Beim Schreiben explodiert Michael Mittermeier regelrecht, das Publikum dankt. Mit seiner neuen CD "Paranoid" lockt der Spaßmacher auch hierorts rund 10.000 Menschen zu seinen Auftritten. An Selbstvertrauen mangelt es ihm folglich nicht, erfuhr Doris Priesching.


Wien - Weil Bescheidenheit eine Zier ist, ohne die man angeblich besser durchs Leben kommt, gibt sich Michael Mittermeier gleich gar nicht damit ab. "Die Politik ist mittermeierscher geworden", sagt der bayerische Standup- und TV-Komödiant. Und dass seine Programme "einfach gut" sind. Eineinhalb Jahre hat er sich seit seinem letzten ("Back to Life") Zeit gelassen, vergangenen Montag erschien die neue, von einem längeren New-York-Aufenthalt geprägte CD "Paranoid". Das Volk wartete geduldig, aber drängend: Fünf Auftritte im Wiener Gasometer von 20. bis 24. Juli sind restlos ausverkauft. Aber wie meint Mittermeier? "Vielleicht steckt ja hinter allem ein göttlicher Plan."

STANDARD: Worin unterscheidet sich "Paranoid" von den Vorgängern "Back to Life" und "Zapped"?

Mittermeier: "Paranoid" ist politischer. Wenn man in New York lebt, passiert anderes, als wenn man am Starnberger See sitzt. Ich wollte die Leichtigkeit der Comedy mit harten Themen verbinden.

STANDARD: Ist Paranoia zwangsläufige Folge nach einem New-York-Aufenthalt?

Mittermeier: Seit dem 11. September gibt es eine Menge Verschwörungstheorien, viele sind schlicht doof. Einiges hat sich als wahr erwiesen. Als vor zwei Jahren Leute sagten, Bush will den Irak angreifen, haben das viele als Hirngespinst abgetan.

STANDARD: Dann ist Ihre Hinwendung zum Politischen weniger paranoid, mehr normale Entwicklung?

Mittermeier: Ich schlage gerne Haken. "Zapped" war Fernsehen, "Back to Life" Alltagsleben. Davon wollte ich weg.

STANDARD: Und landeten so beim Thema Verschwörung?

Mittermeier: Absurderweise werden manche meiner Nummern von der Realität völlig eingeholt. Wir haben zum Beispiel Castingshows, Genfer Konvention und Folter in einem Thema verbunden: Schickt alle Castingstars nach Guantánamo Bay! Die Nummer wurde vor einem Jahr geschrieben: Jetzt bekommt sie eine völlig andere Bedeutung.

Der gemeine Soldat ist keine Bestie, die glauben ja, sie tun das Richtige! Natürlich sind das menschliche Nölnasen und gehören verurteilt. Nur, diesen Raum zu schaffen, diesen Geist, das ist die Verfehlung der US-Regierung. In der Musikindustrie ist es das Gleiche: Durch die Castingshows glaubt der Jeansverkäufer von sich selber, er sei ein Star.

STANDARD: Aber das hört sich ohnehin auf. Castingshows sind in Europa kaum mehr erfolgreich.

Mittermeier: Stimmt. Die Quoten sind eh alle scheiße.

STANDARD: Ihre Bühnenshow halten Sie reduziert. Das funktioniert auch im Fernsehen gut, wie erklären Sie sich das?

Mittermeier: Standup-Comedy war hier nie angesehen. Leute wie Ingo Appel oder ich sind die neue Generation. Ich glaube, dass die Leute es mögen, wenn einer eine Aussage trifft. "Zapped" hatte Quoten, davon können Shows mit nackten Weibern nur träumen. Was ich mache, ist ehrlich. Und es sind einfach gute Programme.

STANDARD: Bescheiden gesagt. Gibt es einen Druck, immer besser zu werden?

Mittermeier: Es ist mein Anspruch, immer besser zu werden. Die Leute lachen nicht immer bei mir. Wenn ich auf der Bühne eine halbe Stunde lang lausige Witze abliefere, ist die Halle schnell kühl.

STANDARD: Wie sammelt der politische Standup-Comedian Ideen?

Mittermeier: Vom täglichen Leben, von den Nachrichten natürlich, aus der Zeitung. Die Süddeutsche Zeitung ist absolut die einzige für mich.

STANDARD: Wie wird aus der Nachricht die Lachnummer?

Mittermeier: Am Anfang steht immer eine geile Idee. Normal sammle ich über zwei, drei Jahre, und dann setz' ich mich hin und schreibe. Dieses Mal habe ich zehn Monate nichts getan, nur auf meine innere Stimme gewartet. Dann ist es rausgesprudelt wie ein Wahnsinn. Die besten Nummern entstehen spontan. "Brainsuckers", eine meiner Lieblingsnummern bei "Paranoid", entstand in nur zwei Stunden im Riverside Café. Ich trage immer einen Block bei mir, in dem steht jede Nummer drin.

STANDARD: Und beim Schreiben lachen Sie dann wahrscheinlich andauernd über Ihre eigenen Witze, oder?

Mittermeier: Wir haben tatsächlich viel gelacht. Ich betrachte das Schreiben ohnehin nicht als Arbeit. Beim Schreiben explodiere ich vor Kreativität.

DER STANDARD: Sie haben Ihre Diplomarbeit über amerikanische Comedy geschrieben, präsentieren in "Saturday Night Life" große Komödianten. In welcher Tradition sehen Sie sich darin?

Mittermeier: Mein großer Held ist Lenny Bruce. Ich wollte immer ein deutscher Bayer sein, weil es mir zu langweilig war, bloß in Bayern blöd daherzureden. Mittlerweile bin ich ein internationaler Bayer. Ich trete in New York auf, und es funktioniert.

STANDARD: Seit Mitte Mai sendet Sat.1 "Anke Late Night". Wie macht sich Anke Engelke?

Mittermeier: Anke ist eine begnadete Komikerin, eine der besten. Wenn Frau, dann sie.

STANDARD: Was halten Sie von Barbara Schöneberger?

Mittermeier: Die ist ja mehr Moderatorin.

STANDARD: Ottfried Fischer?

Mittermeier: Er ist ein Urgestein. Ich liebe sein Kabarett; was er im Fernsehen macht, ist nicht meins.

STANDARD: Alf Poier?

Mittermeier: Wunderbar. Wahnsinn gepaart mit Unterhaltung, Kleinkunst. So lustig, dass die Augen brennen.

STANDARD: Stermann, Grissemann?

Mittermeier: Nie gehört.

STANDARD: Welche Kollegen gefallen Ihnen gar nicht?

Mittermeier: Die hochgezüchteten Comedians in Star Search. Das ist Schülerniveau. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.5.2004)

  • Michael Mittermeier wuchs im bayerischen Dorfen auf, seine Standup-Comedy gibt er sowohl auf der Bühne ("Zapped", "Back to Life") als auch im TV ("Quatsch Comedy Club", "Saturday Night Life") zum Besten.
    foto: sony

    Michael Mittermeier wuchs im bayerischen Dorfen auf, seine Standup-Comedy gibt er sowohl auf der Bühne ("Zapped", "Back to Life") als auch im TV ("Quatsch Comedy Club", "Saturday Night Life") zum Besten.

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