Deutschland

10. Juni 2004, 21:07
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Teamchef Rudi Völler weiß, "dass wir zuletzt Mist gebaut haben und kein Topfavorit sind". Die Erwartungen sind trotzdem nicht so niedrig, schließlich ist Deutschland im Fußball immer noch Deutschland. Es geht ums Eingemachte...

Berlin - Die deutsche Nationalmannschaft hat sich tatsächlich zur EM getraut, Tormann Oliver Kahn betrat als erster Spieler portugiesischen Boden, für ihn war es nur ein kleiner Schritt aus dem großen Flugzeug. Das Team logiert im noblen "Ria Park Garden Hotel" in Vale do Garrao in der Nähe von Almancil. Die Auserwählten machten keinen besonders stolzen Eindruck, sie glichen eher geprügelten Hunden, was sie wiederum gefährlich macht. Deutschland ist immerhin das ranghöchste Team, es war Zweiter bei der WM 2002, Champion Brasilien fehlt aus geografischen Gründen.

Selbstzweifel und Probleme wollte Teamchef Rudi Völler daheim lassen, der letzte Test endete mit einem fatalen 0:2 gegen Ungarn, ein paar Wochen davor setzte es in Rumänien ein knappes 1:5. "Das muss der Vergangenheit angehören und abgehakt sein. Endlich geht es los und ans Eingemachte", sagte Völler. Wobei die Vergangenheit doch immer wieder strapaziert wird (Wunder von Bern!), Deutschland ist dreifacher Welt- und dreifacher Europameister, also eine richtige Fußballnation. Die aktuellen Sympathiewerte sind freilich gering, laut einer repräsentativen Studie des Vermarkters Sportfive ist die Truppe von Völler lediglich bei 76 Prozent der Deutschen beliebt. In puncto Begeisterung für das eigene Team liegt Italien mit 93 Prozent auf Rang eins vor Frankreich (86).

Kapitän Kahn meinte fast trotzig: "Wir müssen uns bewusst sein, das wir Vizeweltmeister sind. Das gibt Selbstvertrauen." Freilich sind 2002 Weihnachten, Ostern, Pfingsten und sämtliche andere verfügbaren Feiertage zusammengefallen, da war gleich ein 8:0 gegen Saudi-Arabien und später viel Glück. Bei der EM gibt es keine Saudis, sondern zunächst Niederländer.

"Die Spieler müssen beweisen, dass sie mental und körperlich die Fitness haben, um gegen die Holländer zu bestehen. Ich muss ein Zeichen spüren: Bitte Trainer, stell' mich auf, ich bin der Richtige", entfachte Völler ein Feuerchen. "Man darf nach dem 0:2 gegen Ungarn nicht in Aktionismus verfallen." Der Trainer wird viele Gespräche führen, auch mit sich selbst. "Da werde ich herausfinden, ob das nach der harten Trainingsbelastung ein einmaliger Ausrutscher war. Ich werde außerdem einige Dinge ansprechen, die mir nicht gefallen haben. Völler ist sich "Unsicherheiten und Abstimmungsproblemen" in der Viererkette und erheblicher Mängel im Sturm bewusst. "Die Spieler wissen, dass sie Mist gebaut haben."

Für Unruhe sorgten Spekulationen um Stars wie Michael Ballack oder Kahn, die den Verein wechseln wollen, im konkreten Fall zieht es die beiden weg aus München. "Man wird nicht vermeiden können, dass darüber diskutiert wird. Aber für unsere Gruppe ist das kein Thema", sagt Völler.

Er, Völler, sei in sehr, sehr guter Gemütslage. So konnte der Teamchef auch über eine Protestaktion des Satiremagazins Titanic vor der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) schmunzeln. "Wir haben die WM 2006 nicht ins Land geholt, damit der DFB den deutschen Fußball davor kaputtmacht", erklärte die Titanic-Redaktion. Völler: "Ich hoffe, ich kann beim Rückflug aus Portugal immer noch lachen." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 11. Juni 2004, hac, sid)

DEUTSCHLAND:

Vorrunden-Gegner: Niederlande (15. Juni, 20:45 Uhr, Porto/Dragao), Lettland (19. Juni, 18:00 Uhr, Porto/Bessa), Tschechien (23. Juni, 20:45 Uhr, Lissabon/Alvalade)

Teamchef: Rudi Völler

Stars: Oliver Kahn, Michael Ballack, Jens Novotny, Christian Wörns, Frank Baumann, Kevin Kuranyi

Größte Erfolge: Europameister 1972, 1980, 1996 Vize-Europameister 1976, 1992 Weltmeister 1954, 1974, 1990 Vize-Weltmeister 1966, 1982, 1986, 2002

Qualifikation: Sieger der Gruppe 5

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Deutscher Verband

Kader

Torhüter
Oliver Kahn (Bayern München), Jens Lehmann (Arsenal), Timo Hildebrand (VfB Stuttgart)

Abwehr
Frank Baumann (Werder Bremen), Arne Friedrich (Hertha BSC), Christian Wörns (Borussia Dortmund), Andreas Hinkel, Philipp Lahm (beide VfB Stuttgart), Christian Ziege (Tottenham Hotspurs), Jens Nowotny (Bayer Leverkusen)

Mittelfeld
Michael Ballack, Jens Jeremies (beide Bayern München), Sebastian Kehl, Torsten Frings (beide Borussia Dortmund), Bernd Schneider (Bayer Leverkusen), Dietmar Hamann (Liverpool), Paul Freier (VfL Bochum), Fabian Ernst (Werder Bremen)

Angriff
Miroslav Klose (1. FC Kaiserslautern), Fredi Bobic (Hertha BSC), Thomas Brdaric (Hannover 96), Kevin Kuranyi (VfB Stuttgart)

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