Anruf abweisen

9. Juni 2004, 11:43
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++PRO&CONTRA-- Ganz generell lassen sich Menschen heutzutage in zwei Gruppen gliedern: in die, die wollen, und in die, die nicht wollen

--PRO
von Thomas Rottenberg

Den Anrufbeantworter habe ich vor langer Zeit verschenkt. Denn die Einzige, die noch am Festnetz anruft, ist Tante D. Tante D. wohnt in Deutschland, wählt keine Handynummern. Wegen der Kosten. Dass Festnetzauslandstelefonate genauso teuer sind? Egal. Tante D. hat Standpunkte und erklärt sie lang und ausführlich. Auch wenn es nichts zu erzählen gibt.

Auf alle Fälle existiert mein Festnetzanschluss nur noch wegen Tante D. Das Läuten ist leise geschalten. Alle drei Tage hebe ich doch ab. Aus Familiensinn. Früher hat Tante D. den Anrufbeantworter vollgeplaudert. Ohne Festnetzanschluss hätte ich Tante D. täglich auf der Mobilbox.

Aber dort brauche ich Platz. Für andere Leute. Schließlich gibt es einen Unterschied zwischen prinzipiellem Erreich-und permanentem Verfügbarsein. Auch wenn das Pressesprecher von Kleingartenvereinen und Großparteien oder Friseure von Austropoppern nicht akzeptieren: Wer zweimal in Folge nervt (Politsekretäre am Sonntagvormittag, Vorgesetzte um 21 Uhr, irgendwer, wenn es grad nicht passt), bekommt jenen Läutton, bei dem statt des grünen automatisch der rote Knopf gedrückt wird. "Unbekannte Anrufer" haben sowieso meist Pech. Sollen sie mir halt eine Mail schicken (danke, Spam-Filter!). Eines können sie sich da aber sparen: nach meiner privaten Festnetznummer zu fragen. Die hat nur Tante D. Die darf da auch anrufen. Jederzeit. Sie gehört nämlich zur Familie.

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--CONTRA
von Gerhard Plott

Ganz generell lassen sich Menschen heutzutage in zwei Gruppen gliedern: in die, die wollen, und in die, die nicht wollen. Wobei für die, die wollen, manchmal egal ist, was sie gerade wollen sollen, weil das zu Wollende ohnehin von vorgesetzten Fachkräften festgelegt wird, die sich in dieser Frage aber erfahrungsgemäß des öfteren in die Wolle kriegen. Trotzdem gelten die, die wollen, als vorbildlich, egal ob sie das Gewollte können oder nicht.

Die, die nicht wollen, gelten wiederum als klassische Verhinderer. Sie sind schuld am Budgetdefizit, an der Rezession und an der Unfinanzierbarkeit des Pensionssystems, weil sie offenbar seinerzeit nicht wirklich gewollt haben. Nicht zuletzt deshalb tarnen sich viele von denen, die nicht wollen, schamhaft. Dabei ist es oft wichtig zu wissen, ob jemand will oder nicht, besonders bei Frauen.

Es gibt allerdings ein klassisches Erkennungsmerkmal, das wir im Sinne der Lebenshilfe für unsere werten Leser hiermit präsentieren. Beobachten Sie, wie die Zielperson ihr Handy verwendet: Nimmt die Person Anrufe entgegen, dann ist sie eine derjenigen, die wollen, und somit fähig zu freudiger Begeisterung im zwischenmenschlichen Bereich. Blockiert diese Person allerdings Anrufe, ist Vorsicht geboten: Dann kann man wollen, was man will, aber nichts geht, was gemeinhin als Ursache für Triebstau und sexuelle Frustration gilt.

Deshalb blockieren Sie keine Anrufe, öffnen Sie sich, wollen Sie ruhig. Das ist gesund und nur natürlich. Außerdem sichert es die Pensionen. (DerStandard/rondo/28/05/2004)

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    foto: cremer
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