Eine Frechheit mit drei Promille

1. Juni 2004, 21:00
4 Postings

Das Album "Eagles Of Death Metal" von "The Devil" und Joshua Homme, sonst Gitarrist der Queens Of The Stone Age

Joshua Homme, sonst Gitarrengott bei Queens Of The Stone Age, hat mit einem Schulfreund namens "The Devil" ein spätes pubertäres Unternehmen gegründet: "Eagles Of Death Metal"


T. Rex aus dem Plattenbau. Status Quo für Todesmetall-Nerds. Boogie Rock für die Herrensauna. The Cramps für Windelhosen-Fetischisten. Sex-Rock für Sammler von David-Hamilton-Bildbänden. Punkrock für Besucher von Emanuelle-Retrospektiven. Der große, böse Wolf John Lee Hooker als handzahmes Kuscheltier von Quentin Tarantino. Motörheads "Another town, another girl, another hotel we can burn" gesungen vom Bad Tölzer Knabenchor. Let's Stick Together von Canned Heat interpretiert von Bryan Ferry im Sinne von Jon Spencer Blues Explosion multipliziert mit Turbonegro. Die Gesamtsumme ergibt John Travolta und Olivia Newton-Johns Duett You're The One That I Want neugesichtet von einer philippinischen Transgender-Band in James Dean-Montur im Darkroom des Wiener Life Ball.

This is Referenzhölle, Baby! Und es liest sich möglicherweise interessanter, als es tatsächlich klingt. Jesse Hughes ist ein vom Leben zart domestizierter Psychopath, mit dem jeder einmal kurz in eine Schulklasse der Oberstufe gegangen ist. Schnurrbart ab dem ersten Flaum, Pornohefte unter der Bank, eine schwer bewältigte Pubertät, die sich noch weit vor dem Erwachsenwerden zu einem veritablen Altmänner-Sexismus ausgewachsen hat und die Vandalismus wie Reifenstechen und Telefonzellen-Zerstörung mit aufrührerischer Kraft verwechselt. Solche Leute werden nach der Matura gern Unteroffizier beim Bundesheer. Da kann man schießen und andere Leute triezen.

So gestaltet muss man sich den Sänger der Eagles of Death Metal vorstellen. Als Künstlernamen hat sich der Mann als "nom de guerre" passend blöd "The devil" gewählt. Trotzdem haben auch solche Menschen Freunde. Muss ja. Zwar werden hier gemeinsame jugendliche Drogenerfahrungen mit Schulkollege Joshua Homme, dem kalifornischen Meister des Stoner Rock von Queens Of The Stone Age, nach wie vor mehr über Teenager-Abstürze mit Dosenbier und Potrauchen gedeutet. Was dem dank seines Erfolgs als Retter des Rock inzwischen längst zu edleren Drogen aufgestiegenen Homme zwischendurch wie eine Schmalhans-Diät vorkommen muss. Die (Wiedersehens-)Freude über eine gemeinsam überlebte Zeit burschikos-fröhlichen Deppertseins lässt sich aber bei entsprechender Willens- und Erinnerungsstärke auch noch als Thirtysomething problemlos dokumentieren.

Die Songtitel sprechen Bände: Whorehopping (Shit, Goddamn), Bad Dream Mama, Kiss The Devil ... Für die Nachstellung einer Jugend als autoerotisch tätiger Blödmann ist es nie zu spät. Das alles klingt natürlich außerordentlich geisteskrank. In jedem Probekeller eine Leiche, die man wieder ausgraben kann.

Joshua Homme, bei Queens Of The Stone Age begnadeter Meister der tiefer gestimmten Gitarre, drischt hier dumpf im Viervierteltakt das Schlagzeug. Damit auf keinen Fall zu viel Spielfreude aufkommt. Ein Gitarrist rackert sich brav am Riffkanon der frühen Rockgeschichte ab. Das muss im Wesentlichen reichen. Außer gelegentlichem Honkytonk-Klaviergeklimper und Backgroundgesang hört, nein, erlebt man sonst nur noch den manchmal gar ins Countertenorische abschmierenden Gesang von "The Devil". Bevor jetzt wieder wer fragt, ob das nun gut ist: Dieses Album ist eine Frechheit. Es ist superfantastisch! (DER STANDARD, Printausgabe, 28.5.2004)

Von
Christian Schachinger

Eagles Of Death Metal - Peace Love Death Metal
(AntAcidAudio/ im Vertrieb von Trost)
  • Artikelbild
    foto: trost
Share if you care.