Musikrundschau: Manchmal tut Musik einfach nur noch weh

1. Juni 2004, 21:00
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Neue Alben von Lenny Kravitz, Sonic Youth, Vinny Miller und den Scorpions

LENNY KRAVITZ
Baptism
(Virgin)
Solche Texte müssen einem erst einmal einfallen: "I don't wanna be a star, just want my Chevy and an old guitar. I don't wanna be star, I don't need the fat cigar." 1989 und 1991 hat der New Yorker Multiinstrumentalist mit Let Love Rule und Mama Said einmal zwei tolle Alben hingekriegt, die sich im Spannungsfeld von afroamerikanischer Musikgeschichte zwischen Soul und Funk bewegten, aber auch Rücksicht auf die Harmonien der Beatles, Psychedelic-Rock und Hardrock nahmen. An diesen Vorgaben hat sich trotz über all die Jahre konsequent bedeutungsloser gewordenen Arbeiten wie Are You Gonna Go My Way, 5 oder zuletzt vor drei Jahren mit Lenny wenig geändert. Allerdings hat der gute Mann irgendwann einmal seine sieben Zwetschken nicht mehr beieinanderhalten können und sich in völliger künstlerischer Bedeutungslosigkeit bei gleichzeitig immer größer werdendem Erfolg verloren. Daran ändert auch dieses dreizehnteilige Sammelsurium mit besonderer Hervorkehrung steinalter Rockriffs wenig. Demnächst live auch auf dem Openair-Gelände Ihrer Wahl.

SONIC YOUTH
Sonic Nurse
(Universal)
Seit über 20 Jahren im Geschäft hat sich das New Yorker Quartett, das seit geraumer Zeit mit dem fixen Neuzugang, dem hoch angesehenen Produzenten und Stil-Hüpfer Jim O'Rourke als rüstiger Fünfer agiert, seinen Ruf als innovatorische Kraft im Feld des erweiterten Noise-Rock und mit seinen über exzentrisch gestimmte Gitarren erzeugten, schleifenden und sägenden Experimental-Pop mit konsequenter Stilerweiterung und -verfeinerung beibehalten. Deshalb ist es auch müßig, dieses neue Album der Band um Thurston Moore, Kim Gordon und Lee Ranaldo besonders hervorzuheben. Wer auf die wilde, wüste Anfangszeit vor 1987, also auf sperrige, harsche Jugendwerke wie Confusion Is Sex oder Bad Moon Rising verzichten mag, kann spätestens seit Sister bei gleich bleibender Qualität ein- und wieder aussteigen. Es wird für den musikalischen Horizont des Hörers kein Schaden sein.

VINNY MILLER
On The Block
(4AD)
Ein spinnerter britischer Songwriter, der den zurückgenommenen Folkpop eines Nick Drake mit elektronischen Störgeräuschen veredelt, ab und zu in das Pathos eines Tim Buckley kippt, Streicher-Samples durch den Laptop jagt und zwischendurch auch einmal absurden Funk in Verbindung mit Feedback-Lärm knallen lässt. Das klingt genau so zerrissen, wie es sich liest. Schön, dass es noch immer Wahnsinnige gibt, die sich nicht vor dem Bruch von Konventionen fürchten.

SCORPIONS
Unbreakable
(BMG/Ariola)
"Another day, no peace in sight, a solution far away. The military won the war, certainly not for you and me." Die Lieblingsband des deutschen Bundeskanzlers erhebt wieder ihr schreckliches Haupt und bolzt ohne jedes Gefühl zeitkritischen Fassbiertrinker-Hardrock für Menschen, die Musik nicht wirklich mögen. Wer einmal hören möchte, wie das Böse in der Welt klingt, Leute, hier ist eure Chance. (schach / DER STANDARD, Printausgabe, 28.5.2004)

  • SONIC YOUTH Sonic Nurse (Universal)
    foto: universal

    SONIC YOUTH
    Sonic Nurse
    (Universal)

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