Barrieren überm Bett

13. Juni 2004, 11:44
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Der Wiener Lukas Beck porträtierte 1990 für einen Fan Kurt Ostbahn. Daraus wurden zwei Ostbahn-Bücher - und eine Fotografen-Musterkarriere.

Drüber oder durch, meint Lukas Beck, mache einen Unterschied. Einen großen Unterschied. Und drüber sei besser. Viel besser: "Das ist Psychologie. Wenn zwischen meinem Gesicht und dem des Fotografierten die Kamera ist, ist da eine Barriere." Schaut Beck aber von oben auf sein Gerät - "noch dazu ist sie gelb, das macht was aus" - sei das anders. Schon weil da "diese Shooting-Situation wegfällt. Ich visiere meine Gegenüber nicht durch ein Zielgerät an, sondern kommuniziere." Er habe, meint der 37-Jährige, noch wenige Menschen erlebt, die da nicht entspannter und "einfach viel mehr sie selbst gewesen seien."

Menschen sind Becks Spezialität. Eine von Becks Spezialitäten. "Ein gutes Porträt", sagt Beck, "muss Emotionen auslösen - und zwar auch, wenn ich es nach zehn Jahren wieder anschaue." Beck fotografiert seit seinem 14. Lebensjahr. Und schaut sich immer wieder alte Bilder an ("bei manchen bin ich entsetzt") - aber das hat wenig mit Selbstverliebtheit zu tun: Neben jenen Beck-Bildern, denen der österreichische Medienkonsument kaum entgehen kann (Beck ist der Haus- und Hoffotograf der heimischen Kabarett- und Kleinkunstszene, zeichnet für zahllose Plattencover verantwortlich, wird aber auch von - unter anderem - profil über Format bis zu Wienerin und Visa-Magazin gern gebucht), spezialisiert sich Beck mehr und mehr auf Langzeitbeobachtungen.

Derzeit aktuellster Beleg - und noch bis zum 20. Juni in einer Ausstellung im Palais Coburg in Wien zu sehen - ist seine mehrjährige kitschfreie Begleitung der Wiener Sängerknaben, die unlängst auch als Bildband ("Wiener Sängerknaben", NP-Verlag) erschien. Ebenfalls aktuell ist Becks - zweites - Ostbahnkurti-Buch ("Seid's vuasichtig", ebenfalls NP): Das letzte Bild entstand zu Silvester 2004. Das erste Bild - für das erste Buch - 1990. "Ein gutes Bild zu machen", sagt der Fotograf, "ist eine Sache. 170, die nicht fad, mittelmäßig oder redundant sind, eine andere." Kurt Ostbahn über die Jahre begleitet zu haben ist aber auch aus einem anderen Grund wichtig: Mit Ostbahn hat alles angefangen: "Seit damals bin ich Fotograf."

Auch vorher hat Beck fotografiert. Und nach der Matura auch überlegt, an der Graphischen, Bildenden oder Angewandten Fotografie zu studieren - "aber dann habe ich gesehen, dass die dort so viele gute Kameras haben wie ich selbst: nämlich auch nur eine. Und die Abschlussarbeiten dort zeigten genau das, was ich nicht wollte." Schulen führen oft zu Verschulung. Und daraus entstünden "Cliquen, in denen alle alles gleich machen - dabei geht es doch um den individuellen Blick und die eigene Handschrift." Beck inskribierte stattdessen Ethnologie - und fotografierte nebenbei. Unter anderem Kurt Ostbahn: Ein Fan wollte ein "anderes" Kurti-Poster für übers Bett. "Von den Bildern war er so begeistert, dass er mich mit den Abzügen zum Ostbahnkurti geschleppt hat. Der hat gesagt: ,Super, du mochst a Buach.'"

Seither, sagt Beck, habe "das eine immer das andere ergeben." Auf die Ostbahn-Aufnahmen wurde ein gewisser Georg Hoanzl ("damals frisch aus dem Burgenland, der hatte damals nur den Vitasek") aufmerksam - und mit Hoanzls Kabarettisten- und Musiker-Riege wuchs auch Becks Portefeuille. Gleichzeitig kamen auch profil & Co. auf den Geschmack seiner Bildersprache: Reisereportagen und große Editorials sind die Butter auf dem Brot des Fotografen: "Seit 1993 läuft der Laden wirklich gut."

Freilich: Wer in Becks Lebenslauf die internationalen Renommiermagazine sucht, sucht vergebens: "Dort stehen die namhaften Leute Schlange, um unentgeltlich arbeiten zu dürfen - ich habe mich aber nie irgendwo vorgestellt." Das Gefühl, etwas versäumt zu haben, habe er nicht. Schon gar nicht, seit er vor vier Jahren zum ersten Mal Vater wurde: "Es klingt so banal - aber da verschieben sich wirklich alle Prioritäten. Und ich bin ganz froh, wenn ich einmal Luft zum Durchatmen habe."

Vielleicht sind es auch deshalb immer mehr die langfristigen Beobachtungen, die Beck reizen: "Ich würde gerne in zehn oder 15 Jahren wieder mit den Sängerknaben arbeiten. Und dann die Buben, die ich jetzt porträtiert habe, wieder fotografieren."

[][][][] Steckbrief

Im Studio schwört Beck auf seine Hasselblad 503 cw mit vier Objektiven: 40, 50, 80 und 150. "Da ich beim 80er die Springfedern schon zweimal austauschen lassen musste, weiß ich, dass ich das am häufigsten verwende. Ich weiß aber nicht, wieso." Der Film ist von Kodak, entweder der Portra 160 nc oder der 400 nc, das Licht kommt von Balcar. Auf Reisen trägt Beck seine Leica M6 auf der einen und eine Panoramakamera auf der anderen Seite. Außerdem hat er meistens noch eine Nikon F2 dabei. "Ich bin kein Dogmatiker", sagt Lukas Beck: Sobald es eine Digitalkamera gibt, die seinen Anforderungen gerecht wird, "steige ich um". (DerStandard/rondo/Thomas Rottenberg/28/05/04)

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    foto: lukas beck
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