Vom Mut zum Frieden

8. Juli 2004, 12:44
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"Texas-Kabul" – Helga Reidemeisters Film über kämpferische Frauen und eine gewaltige Welt

Menschen im Krieg, aktive, auch Frauen, haben wir die letzten Wochen in extremster Konsequenz gesehen. Menschen gegen Krieg, aktiv, und zwar Frauen, zeigt uns "Texas-Kabul", die jüngste Arbeit der deutschen Dokumentarfilmerin Helga Reidemeister.

"Texas-Kabul" könnte auch nach den beiden anderen Stationen von Reidemeisters Bestandsaufnahme der Welt nach 09-11 "New Delhi-Serbien" heißen. Oder eben nicht: Das Innehalten, das Nachdenken über und vor allem in Amerika und Afghanistan weist noch stärker als anderswo über die konkreten Orte und Schauplätze hinaus. Die Friedensaktivistin Ellen Diederich habe, erzählt Reidemeister, nach der Uraufführung des Films bei der Berlinale erklärt, wie präzise die unterschiedlichen Ebenen von Krieg für sie dargestellt seien: "Totalen Krieg" sieht sie in Afghanistan verwirklicht und filmisch realisiert, die "Kriegsvorbereitung" in den USA. Das ist nachvollziehbar. Bilder blanker Zerstörtheit im einen Land treffen auf verstörende Blankheit der Fassaden im anderen.

Und auf einen rüstigen Jungen im Food-and-Entertainment-Center. Der im interaktiven Videogame, konzentriert, vertieft, dabei energisch, schweres Gerät auf den Monitor richtend, zielend – nicht feuert, sondern löscht. Schießwütig ballert, treffen übt, dabei posiert, nur: nicht als Krieger, sondern als "Feuerwehrmann". In der moralischen Sicherheit jener, deren Einsätze Rettung bringen.

Reidemeister hat ihr "Knast-Projekt", die schon in Umsetzung begriffene Fortführung des Films "Gotteszell" (2001), abgesagt und sich auf die Suche gemacht. Nach Kriegsspuren und nach dem Spüren dessen, was Christa Wolfs Kassandra den "Vorkrieg" nennt. Nach Stimmen der Besonnenheit im Anti-Terror-Trommelwirbel. Vier Frauen besucht Reidemeister und lässt sie einprägsam zu Wort kommen. Den Star der Antiglobalisierungsbewegung Arundhati Roy, die Protagonistin des "Frauen in Schwarz"-Netzwerks Stascha Zajovic, die Redakteurin des einzigen afghanischen Frauenmediums Jamila Mujahed, die texanische Juristin und Expolitikerin Sissy Farenthold. Eingebettet sind die Statements und Ausführungen in Strecken von Situationen, die Einblick geben in die unterschiedlichen (Über)Lebensrealitäten: Elendsviertel, Flüchtlingslager, provisorische Klassenzimmer, gespenstische Ruinen, Kriegsgerät, Leuchtreklamen, Powell-Bush, beliebt in Pappe oder Wachs. Obdachlosigkeit bei Kriegsopfern und -veteranen. Und immer wieder Kinder.

Der Sperrigkeit des Inhalts entspricht eine ästhetische: oft anstrengend sind die langen Einstellungen. Die Kamera hält den Blick, dem auch ihr Gegenüber standhält. Der respektvolle, wertschätzende, nie "Objekte" "anvisierende" Umgang des Mini-Teams mit den Abgebildeten mag auch mit Helga Reidemeisters Erfahrung als Sozialarbeiterin zu tun haben und zeugt von großer Sicherheit. Einmal werden Filmaufnahmen "getauscht" gegen Polaroids, Fotos von den und für die Gefilmten, gemacht auf deren Initiative hin, Erinnerungsfotos. Nicht an das Drehteam – ans eigene Leben. Vor dieser Ernsthaftigkeit ist es möglich, dass eine Afghanistan-Szene zur ästhetischsten des ganzen Films wird: Ein altersloser Mann in erd-sandfarbenen Gewändern schreitet vor der Silhouette der Berge eine Art Weg entlang, gefolgt von einem kleinen Kind, wahrscheinlich Mädchen, das im auffälligen tiefroten Kleid in Respektabstand unbeirrbar nachtrottet. Beim strahlend hellen Blau der Burka an zwei huschenden Frauen hingegen verbietet sich ein Blick, der sich bewundernd der Farbe hingibt.

Reidemeister selbst kommt selten ins Bild, meist fotografierend. Komisch wirkt ihr Auftritt in den USA, in einer Art gefaktem "Home-Video", ein tarnender Kunstgriff, ohne den das Drehen nicht möglich gewesen wäre. Im Gespräch ist die Autorin nicht zu sehen, lässt sie den aufgesuchten Frauen allen Raum für sich. Ausnahmesituationen, dass sie ins Wort fällt, sind an einer Hand abzuzählen, und diese Momente vermitteln so unspektakulär wie eindrücklich ein Gesprächsklima gegenseitiger Achtung. Von Aufmerksamkeit und Zuhören, vom An- und Aufnehmen des/der Anderen: Wenn Arundhati Roy beklagt, dass die Menschen im Westen die Hoffnung auf eine andere Welt aufgegeben hätten, kann Helga Reidemeister nicht umhin, einzuwenden: "Not all", und ihre Gesprächspartnerin greift lächelnd auf "Not all". Und wenn Stascha Zajovic – nach einer Passage, in der sie überraschend locker über die Männer spricht – in Bezug auf Frauen und ihre Rolle im System sehr ernst wird und meint: "Women make different choices, you know", wirft die Filmemacherin ein: "If they can", und wieder greift die andere die Einschränkung auf: "If they can ...".

Diese Beispiele sprechen eine deutliche Sprache: Englisch, im Interview die Sprache von drei der vier Frauen, die Sprache der Privilegierten, Gebildeten, Bessergestellten, die Sprache der Kolonialherren, der Besatzer. Die Sprache der verständigen Globalisierung mindestens so sehr wie die der weltweiten Verständigung, nicht von ungefähr Streitpunkt auf den Sozialforen. So schön es ist, dass zumindest Jamila Mujahed in ihrer eigenen Sprache zu hören ist, so stimmig ist die Präsenz der "Weltsprache". Ökonomische Verstrickungen, Globalisierung und Amerikanisierung sind den ganzen Film hindurch anwesend, noch im größten Elend, im Müll, wenn ein indischer Junge vor der Kamera auf MTV macht, wenn spielende Kinder im Flüchtlingslager zuerst den Teletubbies-Jingle, dann "Jú-gós-láwi-á" intonieren, wenn im Fernseher am Esstisch eine Folge Star Trek läuft. Auch in Kabul lernen die Kinder "English", und der erste Satz, der zu hören ist, lautet "This is not a young woman". Eine sehr wohl sehr junge Frau rasselt kurz darauf herunter: "Time is money, money is power, power is life".

Sehr spürbar ist die unmittelbare Betroffenheit der 1940 geborenen Regisseurin: Zerbombte Siedlungen, Ruinen bedeuten ihr auch Erinnerung, auch ein Nachdenken und eine Konfrontation mit Deutschland, das 1999 wieder in Kriegshandlungen verwickelt ist. "Für meine Familie" heißt es zu Beginn des Films. Und bis zum Schluss steht dann der Eindruck, dass Helga Reidemeister – die einen Film über ihre Schwester gedreht hat und auch gelegentlich von ihrer Mutter spricht – einen weiteren Begriff von Familie hat als die konservative Politik. Schwesterlichkeit tut sich in ihrem Film als über das Weibliche hinaus denkbare, menschenmögliche Perspektive wie die Freiheit und die Gleichheit auf.

Von Karola Bloch, Architektin, Marxistin und ein Leben lang Weggefährtin jenes Philosophen, der das "Prinzip Hoffnung" hoch gehalten hat, ist sinngemäß überliefert der Ausspruch: "Gehe zu jenen, die dich brauchen, nicht zu denen, die du brauchst!" Helga Reidemeister, die Bloch vor zwanzig Jahren ein Porträt gewidmet hat, folgt diesem Satz. Und macht "Dreh-Arbeit": Sie dreht, wendet ihn in eine andere Richtung. Die Frauen, die sie aufsucht, sind nicht solche, die sie brauchen, sondern die sie braucht. Sind Menschen, die wir alle brauchen. Existentiell. (Petra Nachbaur)

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