Ohrenfutter fürs Stimmvieh

1. Juni 2004, 21:00
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Die Philharmoniker spielten, Bobby McFerrin dirigierte, 90.000 kamen für eine "Konzert für Europa" nach Schönbrunn

Wie man neuerdings durch einen ORF-Werbespot eingehend belehrt wird, geben Kühe mehr Milch, wenn man den Stall mit Musik beschallt.

Das stets durch Scharfsinn glänzende Kollektiv der österreichischen Bundesregierung ist offenbar der Meinung, dass diese bei Rindern so erfreulich ertragsfördernde Maßnahme möglicherweise auch beim zweibeinigen Stimmvieh ihre Wirkung nicht verfehlen wird.

Und gerade Letzteres gilt es zurzeit in besonderem Maße willfährig zu machen. Immerhin schäumt die Freude des Stimmviehs über die frisch vollzogene Osterweiterung zurzeit so wenig über, dass zu befürchten steht, die störrischen Zweibeiner könnten bei der bevorstehenden Wahl zum europäischen Parlament nicht einmal für die falschen votieren, sondern überhaupt nicht mehr zu den Urnen trotten.

Allein um diese trübe Stimmung zu erhellen, müsste man schon recht ordentlich aufgeigen. Und das mit allerhöchster Qualität. Diese garantiert in diesem Fall wohl nur die edle Formation der Wiener Philharmoniker.

Wenn's die Politiker wünschen, sind die königlichen Demokraten traditionsgemäß gerne gefällig. Spielte doch eine elitäre Formation aus ihren Reihen schon vor mehr als zwei Jahren bei einem Festmahl auf, das der Herr Finanzminister für seinen Exchef Stronach und für andere hochmögende Herren im blauen Salon seines Ministerium gab - dessen Farbe damals übrigens auch noch seiner politischen Couleur entsprach.

Für das gut zwei Millionen Euro große Trostpflaster, das der Bund den demokratischen Monarchen seit der Ausgliederung der Bundestheater jährlich genehmigt, muss man sich hier und da schon ein wenig erkenntlich zeigen.

Diesmal war das Ambiente nicht minder festlich. Im imperialen Glanz des Schlossparks von Schönbrunn saßen sie vor allfälligen Unbilden des Wetters geschützt sicher in ihrer Konzertmuschel und spielten unter Bobby McFerrins gramvoll besorgter Leitung ein "Konzert für Europa".

Das Programm schien allerdings so gewählt, als gälte es in erster Linie tatsächlich, die von Gott Zeus lüstern verfolgte mythologische Kuh dieses Namens zu was auch immer zu stimulieren.

Gedacht war es freilich als Begrüßung der neuen EU-Bürger, deren Länder mit konzertanten Plattitüden wie zwei Ungarischen Tänzen von Johannes Brahms, Friedrich Smetanas Moldau, Fréderic Chopins Reiterpolonaise, garniert von der Figaro-Ouvertüre, Ravels Bolero und dem Zwischenspiel aus Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana und - nomen est omen - der Valse triste, kränkend kümmerlich bedacht waren. Warum nicht gleich auch das Gebet einer Jungfrau der Polin Tekla Badarzewska oder den Traurigen Sonntag von Rezsö Seress?

Ob die neuen EU-Bürger und die angeblich 90.000 Besucher dieses Gratiskonzerts das erweiterte Europa nun lieber haben als zuvor und am 13. Juni zu den Wahlen stürmen werden, ist unsicher.

Sicher ist, dass dieses g'schmackige Cedetscherl, das die Philharmoniker nun ganz bestimmt mit großem Eifer brennen werden, seine Käufer finden wird.

Darunter vielleicht auch den einen oder anderen Milchbauer. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2004)

Von Peter Vujica
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