Arien am Ostseestrand

9. Jänner 2004, 19:49
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Auf der Insel Bornholm hat sich eine große Künstlerkolonie etabliert. Das geschah nicht zufällig. Das helle Licht, die schöne Landschaft und das mediterrane Klima hat sie beeindruckt.

Opernmusik schallt über den Strand an der Ostküste Bornholms. Der Wind trägt die Arien aus dem Haus am Strandstien 5 herüber. Urlauber schauen sich irritiert um und versuchen, den Ursprung der Klänge genau zu orten. Die Einheimischen aber wissen Bescheid: Anders Nyborg malt.

Der Bornholmer Künstler schwelgt in einem Rausch aus Farben, aus Flächen und abstrakten Kompositionen. Und er braucht laute Opernmusik zur Inspiration, wenn er in seinem Atelierhaus im Örtchen Listed arbeitet. Verkauft werden seine großformatigen Gemälde später in einer Galerie mitten in der Altstadt des Fischerortes Svaneke: auch das bei Opernmusik zur Untermalung. Nyborg läßt sich gefangennehmen von den ungeahnt südländischen Farben, dem Licht und der mediterranen Atmosphäre seiner Heimatinsel in der Ostsee. Von den warmen Sonnenstrahlen, die über die sonnenblumengelben oder sattroten Fachwerkfassaden der Fischerdörfer wandern. Von den violetten Blüten des Heidekrauts, dem Schillern der Seerosenteiche im Almindingen-Forst. Das Sommerhalbjahr über lebt und arbeitet er hier – im Winter reist er der Sonne hinterher nach Mallorca zurück. Andere Künstler handhaben es ähnlich. Soren Kent zum Beispiel, ein Maler, der in Gudhjem zu Hause ist.

Bornholm, die östlichste der dänischen Inseln, hat sich zur Künstlerkolonie in der Ostsee entwickelt. Selbst bei Überlandfahrten durch wogende Weizenfelder weisen selbstgemachte Schilder am Wegrand die Richtung Fortsetzung von Seite1

zu den Wirkungsstätten einheimischer Künstler: mal in die Scheune eines Bauernhofs, mal zum in Laden und Werkstatt umfunktionierten Wohnhaus eines Glasbläsers. Etwa 100 professionelle Maler leben und arbeiten auf der 30 km langen und zirka 20 km breiten rautenförmigen Ostseeinsel, etwa 20 Glasbläser und gut 100 Keramiker.

Eine davon ist Elisabeth Kjaersgaard, die hier seit 40 Jahren töpfert. Ihre abstrakten Gefäße haben längst Sammlerwert und der Künstlerin obendrein viele Auszeichnungen eingebracht. Die quietschvergnügte alte Dame wohnt und arbeitet im alten Bahnhof von Humledal.

Gleise gibt es längst keine mehr. Die Eisenbahn ist seit Jahrzehnten stillgelegt. Wenn Frau Kjaersgaard zu Bett geht, stellt sie ihre teuren Kunstwerke vor die Tür ins Freie, damit Frühaufsteher unter ihren potentiellen Besuchern schon mal _einen Eindruck gewinnen. An der Tür hängt dann ein Pappschild: „Bin ab 11 Uhr zu erreichen.“

Hier wird nicht gestohlen

Sorgen, daß etwas geklaut werden könnte, braucht sie sich nicht zu machen: „Auf Bornholm wird nicht gestohlen.“ Sie muß es wissen. 250.000 Touristen kommen pro Jahr – allerdings niemals mehr als 46.000 auf einmal. Die Bornholmer haben vor Jahren beschlossen, nie mehr Touristen als Einheimische auf ihrer Insel haben zu wollen. So ist bis heute denn auch die Landwirtschaft Einnahmequelle Nr. 1 geblieben.

Und noch einen Riegel hat man der „touristischen Eroberung“ vorgeschoben: Wie in ganz Dänemark dürfen auch auf Bornholm Ausländer keinen Immobilienbesitz erwerben. Damit will man verhindern, daß die Insel zur deutschen oder schwedischen Ferienkolonie wird und man die Einheimischen nach und nach aus ihrer Heimat herauskauft. Eine vernünftige Regelung.

Sieben Stunden dauert die Fährüberfahrt von Kopenhagen nach Bornholm, nur gute dreieinhalb Stunden die Passage von der norddeutschen Hafenstadt Saßnitz auf Rügen aus. Und so sind es überwiegend Deutsche, die hier den Sommer genießen und die Vorzüge Bornholms auskosten. Die Insel liegt klimabegünstigt an einer Wetterscheide. Auf Bornholm ist es immer ein paar Grad wärmer als drumherum. Und wenn es in Skandinavien regnet, scheint auf Bornholm dennoch zur selben Zeit höchstwahrscheinlich die Sonne.

Wein und Malven gedeihen hier, und selbst Feigenbäume tragen Früchte. Einige Insulaner verdingen sich als Hobby-Winzer. Für ein paar Flaschen selbstgekelterten Inselwein reicht der Ernteertrag jedes Jahr: zu wenig, um den Saft der Bornholmer Reben in den freien Verkauf zu geben. Genug, um mit Freunden (und Feriengästen!) ein Gläschen davon auf der Terrasse mit Blick auf die Ostseewellen trinken zu können.

Viele Vergleiche wurden schon strapaziert. „Ibiza der Ostsee“ mußte Bornholm sich nennen lassen – wegen der vielen Nackten am kilometerlangen und fast ebenso breiten Traumstrand von Dueodde. Und wegen des unkomplizierten Umgangs miteinander. Mit dem Du ist man schnell dabei, mit einer herzlichen Umarmung oder einem kumpelhaften Schlag auf die Schulter ebenfalls. Auch als „Südseeinsel des Nordens“ hat man das Eiland bezeichnet – wegen des schneeweißen Strandsandes von Dueodde. Und mit Maspalomas auf Gran Canaria wurde die Insel ebenfalls schon verglichen: auch wegen dieses rekordverdächtigen Strandes.

Wer den schönsten Blick auf Dünen, Strand, Badetrubel und Ostseewellen haben will, steigt 195 Stufen bis zur Aussichtsplattform des Leuchtturms. Kiefern ducken sich in die Täler der Dünen. Strandhafer klammert sich an den flauschigweichen Sand, und eine salzige Brise streichelt Lippen und Haut – Eindrücke eines Spaziergangs durchs Dünenmeer von Dueodde. Wer das erste Mal kommt, läßt die feinen Körner ungläubig zwischen den Fingern durchrinnen und denkt, daß es so etwas hier oben doch gar nicht geben kann. Eine von vielen Bornholmer Urlaubsüberraschungen.

Hier ist gut ruhen

Im Sommer tummeln sich hier und am weiter östlich gelegenen Balka Strand mit Vorliebe die Urlauber. Gleichwohl läßt sich Bornholm nicht auf ein oder zwei Küstenstriche reduzieren. Die Liste der Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten ist lang und umfaßt von der gut 800 Jahre alten Burganlage Hammershus bis hin zu den berühmten festungartigen Rundkirchen eine Vielzahl von Attraktionen – von kleinen, stillen bis zu großen, vielbesuchten. Und es ist gar nichts Ungewöhnliches, in _einem der Höfe von Hammershus oder vor einer der Rundkirchen _einen Maler mit Staffelei zu sehen.

Still geht es im Almindingen zu, dem zweitgrößten zusammenhängenden Waldgebiet Dänemarks – ausgerechnet auf einer Insel. Da würde sich keiner wundern, wenn an den Seerosenteichen unterhalb der Ruine von Lilleborg plötzlich Feen und Elfen wie aus mittelalterlichen Märchenerzählungen auftauchten. Hier scheint alles möglich.

Während im Süden hüllenlos in der bis zu 18 Grad warmen Ostsee gebadet wird, stemmen sich die Spaziergänger an der Klippenküste im Nordwesten bei Sandvig und Allinge gegen den Wind und lassen sich die klare Meeresluft um die Nase wirbeln. Hölzerne Fischerboote tanzen in den Häfen.

Die satten südländischen Farben, die mediterrane Atmosphäre – das alles verblüfft. Urlauber spazieren in Fischerorten wie Gudhjem und Svaneke zwischen _eidottergelb oder satt_rot getünchten Fachwerk-Fassaden der alten Fischerhäuser hindurch, staunen über überbordende Blumenkästen, trinken Cappuccino in Cafés, genießen Krollebolle-Eis, tratschen mit den Fischern und wundern sich, daß deren Pfeifen nicht mit Seetang gestopft sind.

Andere Fischer wiederum sitzen auf der Kaimauer beim Dosenbier zusammen und lassen die letzte Fangfahrt draußen auf der Ostsee Revue passieren, Künstlerkolonie hin oder her. Ihre Ausbeute, diesmal ein paar Hundert Heringe, haben sie längst an Carsten Gronning in Gudhjem verkauft. Er räuchert Tag für Tag bis zu 2000 Fische nach traditioneller Methode im Erlenrauch – vier Stunden lang bei 30 bis 40 Grad, danach weitere zwei Stunden bei 70 bis 80 Grad. Nur so bekommen sie ihre goldgelbe Farbe und das besondere Aroma.

Nur noch vier der traditionellen offenen Öfen sind auf der Insel in Betrieb – jeder einzelne davon eine Touristenattraktion. „Wann der Fisch fertig ist, dafür muß man das richtige Gefühl im Finger haben“, sagt Gronning: „Ein Thermometer am Ofen gibt es nicht.“ Er angelt einen Bückling aus dem Rauch und öffnet ihn mit dem Zeigefinger: „Wenn das Fleisch schön weiß ist, dann ist er am besten.“ Er probiert und reckt den Daumen wie zur Bestätigung nach oben. Warmer Bornholmer Räucherhering mit Eigelb und Salz. „Sonne über Gudhjem“ nennt sich diese Spezialität.

Drum zählen Feinschmecker auch Carsten Gronning zu den Künstlern der Insel: auf seine Art eben. Und Gronning freut sich an den zufriedenen Blicken seiner Gäste, die draußen vorm Haus auf Planken und an Picknicktischen hocken, den Hering rustikal in der Hand, die Ostsee vor Augen, das Meeresrauschen im Ohr – typisch Bornholmer Urlaubsgefühl. (Der Standard, Printausgabe)

Von Helge Sobik
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