"The Day After Tomorrow": "Spielbergle" mit Faible für Katastrophen

19. Juli 2004, 14:21
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Ein Bastler mit Ambitionen: der Filmregisseur Roland Emmerich ist Kopf des Tages

Blockbuster kommen gemeinhin nicht aufgrund ihres politischen Gehalts ins Gerede. Bei The Day After Tomorrow verhält es sich ein wenig anders: Der Ökokatastrophenfilm, der den Treibhauseffekt fantasievoll weiterdenkt und die westliche Hemisphäre unter einer Eisdecke begräbt, deckt sich nicht mit der Linie der gegenwärtigen US-Regierung. Und sein Regisseur Roland Emmerich reist derzeit von einem Pressetermin zum nächsten, um stolz zu verkünden, dass der Film etwa eine Parodie des US-Vizepräsidenten Dick Cheney enthalte.

Dabei galt der neben Wolfgang Petersen (Troy) erfolgreichste deutsche Regisseur in Hollywood, mit Wohnsitzen in L. A. und Mexiko, bisher als äußerst angepasst: Mit seinem Megahit Independence Day hat er nicht nur die Vorgaben eines Spektakelkinos übererfüllt, der Alien-Invasionsfilm war auch in Sachen US-Patriotismus mehr als ambitioniert. Ein Eindruck, der sich mit seinem Revolutionsdrama The Patriot, in dem ein positives Geschichtsbild der USA konstruiert wurde, noch festigte.

Andererseits war Emmerich über solche Vorwürfe erhaben: Denn seine Stärke sehen die meisten ohnehin in seiner Fähigkeit, Spezialeffekte immer weiter zu verbessern - wobei er vor allem auf dem Gebiet der Visualisierung von Katastrophen als ungeschlagener König gilt: egal ob Ufos, Godzilla oder eben jetzt die Natur diese herbeiführen.

Seine Neigung zu den illusionistischen Möglichkeiten des Kinos lebte der 1955 in Stuttgart geborene Emmerich bereits in seiner Studienzeit in München aus: Der Abschlussfilm, das Sci-Fi-Abenteuer Das Arche Noah Prinzip, konnte trotz geringen Budgets bereits mit visuellem Einfallsreichtum begeistern. Über den epigonalen Plot wurde schon damals gewitzelt. Noch in Deutschland realisierte Nachfolgefilme (Joey) brachten ihm, in Anlehnung an seine schwäbische Herkunft, den Spottnamen "Spielbergle von Sindelfingen" ein.

In Hollywood sah man das natürlich anders: Erste US-Filme (Stargate) vermochten zwar keine Kritiker zu begeistern, Produzenten wurden allerdings schnell auf ihn aufmerksam. Seine anschließenden Erfolge brachten Emmerich schließlich auch in Deutschland Anerkennung ein, 1999, nach Godzilla, wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Dass sich der Regisseur im Zuge der Werbeschlacht um The Day After Tomorrow nun als Bush-kritischer Querdenker inszeniert und als Grünwähler outet, mag auch der Versuch sein, in seiner Heimat das Image des naiven "Bastlers" gegen jenes des seriösen Filmemachers auszutauschen. Sein nächstes Projekt, ein Film über Sexsklavinnen, die in die USA verschleppt wurden, scheint diesen Verdacht zu bestätigen: "Eine Geschichte, die mein Herz berührt hat." (DER STANDARD, Printausgabe, 26.5.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh
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