Ort des Traumas

15. Juli 2004, 14:46
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Doku über Frauen-KZ in St. Lambrecht liegt nun auf

Graz - Das von den Nationalsozialisten beschlagnahmte obersteirische Stift St. Lambrecht fungierte jahrelang als Konzentrationslager - auch für Frauen. Neben bis zu 115 Häftlingen gab es bis zu 30 weibliche Internierte, die wegen ihre Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas Zwangsarbeit leisten mussten. Für sie war es die letzte Station einer oft jahrelangen Odyssee durch die Lager des Dritten Reichs. Die steirische Psychologin Anita Farkas hat die Geschichte des KZ St. Lambrecht und die Biografien der Insassinnen rekonstruiert.

Nebenlager von Ravensbrück

Dass es in der Steiermark neben sechs Außenlagern von Mauthausen für Männer auch ein KZ für Frauen gegeben hat, das als Nebenlager von Ravensbrück gegründet worden war, ist nahezu unbekannt, so Anita Farkas, die Dokumentatorin des Buches. Tatsächlich wurde das Benediktinerstift St. Lambrecht zu einem "Ort des Traumas": Im Mai 1938 wurde es aufgehoben und als "SS-Wirtschaftsgut" beschlagnahmt. 1942 wurde dort ein Außenlager für Männer des KZ Dachau - später auch des KZ Mauthausen - mit bis zu 115 Häftlingen errichtet. Sie wurden in der Land- und Forstwirtschaft ebenso eingesetzt wie zum Bau einer Siedlung. Im Südflügel, dem heutigen Pfarrtrakt, kam im Frühjahr 1943 ein Frauen-KZ hinzu.

Bibelforscherinnen

Die Häftlinge gehören einer Opfergruppe an, die lange zu den "vergessenen Opfern" des Nationalsozialismus zählte: den Bibelforschern, wie die Zeugen Jehovas von den Nationalsozialisten genannt wurden. Die religiöse Überzeugung gebot ihnen strikte Gewaltlosigkeit mit einem Fokus, der sich auf die einer einzigen Autorität, ihres Gottes Jehova, richtete. "Damit gerieten sie mit dem Regime in Konflikt", so Farkas. Sie sieht vor allem im "gestiegenen Arbeitsbedarf" den Grund für die Einrichtung des weiblichen Häftlingkommandos.

Frauenarbeit

Die Frauen übernahmen Arbeiten in der Küche, im Reinigungsdienst, in der Gärtnerei und in der Land- und Forstwirtschaft. Die Bibelforscherinnen habe man ausgewählt, weil sie bei der SS als "überaus fleißiges, williges und verlässliches Arbeitspotenzial" galten.

In ihrer Publikation, die aus ihrer Dissertation an der Uni Klagenfurt hervorgegangen ist, schildert Farkas die Geschichte des Stiftes seit 1938 und bringt sie mit den Biografien von 23 ehemaligen Insassinnen in Einklang. Sie stellt aber auch die Geschichte der Verfolgung der Religionsgemeinschaft dar und rekonstruiert den speziellen Mikrokosmos der KZ-Situation. (APA)

Anita Farkas:
"Die Bibelforscherinnen des Frauen-
konzentrationslagers St. Lambrecht"
Graz 2004
ISBN 3-9500971-6-3
256 Seiten
18 Euro

Infos unter:
clio - Verein für Geschichts- und Bildungsarbeit
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