Jäger des verlorenen Schatzes

14. September 2004, 11:07
6 Postings

Sie war auch eine journalistische Strapaz, die Wallfahrt der Völker

Sie war auch eine journalistische Strapaz, die Wallfahrt der Völker. Großveranstaltungen wie der Mitteleuropäische Katholikentag im Gnadenort Mariazell sind für den KURIER eine besondere journalistische und logistische Herausforderung, schwang Chefredakteur Christoph Kotanko im Sonntagsblatt das Selbstbeweihräucherungsfass. Die Vorbereitungen begannen bereits Monate vor dem Ereignis. So wurde eine Sonderausgabe mit acht Seiten entworfen.

Schwer zu glauben, dass ein Blatt wie der KURIER für die besondere journalistische Herausforderung einer achtseitigen Beilage mehrere Monate benötigt. Schon eher könnte es die logistische Herausforderung gewesen sein: Außerdem stellte der KURIER 40.000 Hocker aus Karton den müden Pilgerinnen und Pilgern zur Verfügung. Raiffeisen weiß eben, was müde Pilger außer einem Lagerhaus noch brauchen.

Daher waren auch die Monate der journalistischen Herausforderung keine vergeudete Zeit, ward in der Sonderausgabe doch kein noch so irdisches Kirchenlicht unter den Scheffel gestellt: Vorsitzender des Kuratoriums "Mariazell braucht Ihre Hilfe" ist Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad . . . Für sein Engagement wurde Konrad 2001 mit einem päpstlichen Orden ausgezeichnet. Womit sich seine Erleuchtung "Offenbar geht von Mariazell ein gewisser Segen aus" auf das Schönste offenbarte.

Noch immer ortsfremd unterwegs hingegen die gestohlene Saliera. Ohne Glanz und Gloria begingen die heimischen Journalisten den 1. Geburtstag des Verschwindens der Cellini-Saliera, erteilte Herbert Hufnagl ebenfalls im KURIER vom Sonntag der Branche eines seiner Kopfstücke - ausnahmsweise unverdient, was sein eigenes Blatt betrifft. Fand sich in der Story, die der KURIER ein paar Tage zuvor unter dem Titel Geheim-Operation um die "Saliera" serviert hatte, zwar weder Glanz noch Gloria, so brachte er damit immerhin die Erkenntnis unter die Leute: Etwas Übung, und aus Wilfried Seipel könnte durchaus noch Indiana Jones werden.

Außer im KURIER machte die Geschichte vom Salzfass noch unter Landwirten im Weinviertel die Runde. Zwei Weinviertler haben demnach hautnah miterlebt, wie die Saliera nach Wien gebracht werden sollte. Mehr oder weniger. Hinter dem gescheiterten Plan zur Rückholung wird ein mehrfach vorbestrafter Betrüger vermutet, über dessen wahre Motive noch gerätselt wird. Und um die Präzision auf die Spitze zu treiben: Wie man derzeit an Stammtischen munkelt: Vergangene Woche soll der verdächtige Wiener bei KHM-Direktor Seipel vorstellig geworden sein.

"Ich helfe Ihnen, die ,Saliera' zurückzuholen", beschwor er den glücklosen Gralshüter. Ein Bekannter aus Haftzeiten soll das goldene Salzfass für italienische Gangster gestohlen haben. Nun aber hätten die Drahtzieher den Auftrag gegeben, das Kunstwerk "aus Gründen der Ehre" zurückzugeben - ohne das Lösegeld oder die ausgesetzte Prämie (70.000 €) zu kassieren. Für jeden, der mit der Ehre italienischer Gangster vertraut ist, glaubwürdig.

Daher die strikte Auflage für das weitere Vorgehen völlig klar: Keine Polizei, sonst wird die "Saliera" im Meer versenkt. Der Plan sah vor, dass Seipel den Vermittler nach Udine und Triest begleitet. Zur Tarnung - vor der Polizei? - würde man noch zwei Freunde mitnehmen. Und so geschah 's. Freitag in den frühen Morgenstunden ist das Quartett dann gen Süden gereist. Unterwegs nur Enttäuschungen. Keine Spur von der angeblich versteckten "Saliera". Wahrscheinlich wäre den Auftraggebern "etwas dazwischen gekommen". So ein Pate hat halt viele Termine!

Aber keine Angst. Jedenfalls würde der Transport ohnedies bewacht: Von Giuseppe, einem schwer bewaffneten Mafioso - bei Seipel kann man schließlich nie wissen, der zwingt italienische Gangster doch glatt zur Annahme des Lösegeldes. Aber keine Chance: Die "Saliera" sei mit Sicherheit bereits wieder in Wien, die Übergabe ganz sicher nur mehr eine Frage von Stunden. So der Vermittler.

Jetzt - große Überraschung: Doch weder Freitag in Italien, noch am Wochenende oder am Montag in Wien tat sich irgend etwas. Immerhin, bestätigt wurde dem KURIER, dass es zu seiner Geschichte auch einen entsprechenden Fall gibt. Der Verdächtige, vom KURIER mit der Causa konfrontiert, wollte keine Stellungnahme abgeben. Vermutlich aus Gründen der Ehre.

Auch Wilfried Seipel wollte nur so viel sagen: "Wir haben eine viel versprechende Spur verfolgt, die sich leider - salieragleich - in Luft aufgelöst hat." Jedes weitere Wort wäre auch zu viel gewesen. Aber der Museumsdirektor gibt die Hoffnung nicht auf, dass das Salzfass "bald wieder auftaucht". Als Kontaktmann stehe er weiterhin jederzeit zur Verfügung. Weinviertler und italienische Gangster, bitte melden, kommen ins Haus! (DER STANDARD; Printausgabe, 25.5.2004)

Von Günter Traxler
Share if you care.