Neue EU-Länder holen weiter auf

11. Februar 2005, 15:34
2 Postings

Wifo-Prognosen: CEE-8 wachsen rund doppelt so schnell wie EU-15 - Annäherung auch bei Inflation und Arbeitslosigkeit

Wien - Das Wirtschaftswachstum in den acht neuen EU-Ländern Mittel- und Osteuropas (CEE) beschleunigt sich weiter. Mit einer erwarteten Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 4,2 Prozent im laufenden (2004) und +4,4 Prozent im kommenden Jahr 2005 für die Erweiterungsländer außer Zypern und Malta wird sich die Wirtschaftsleistung der neuen EU-Mitglieder weiter an das EU-Niveau annähern, geht aus einer neuen am Montag, veröffentlichten Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo und des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) hervor.

Da den "alten" EU-Ländern ein vergleichsweise geringeres Wachstum von 2,0 (2004) bzw. 2,4 (2005) Prozent vorhergesagt wird, dürfte sich die Wirtschaftsleistung (BIP) pro Kopf weiter an das Niveau der EU-15 annähern.

Baltische Tiger

Das kräftigste Wachstum in den neuen EU-Ländern sollte es weiter in den drei baltischen "Tigern" Litauen (6,9 Prozent/2004 und 6,6 Prozent/2005), Lettland (6,2/6,2) und Estland (5,4/5,9) geben, dahinter folgen die Slowakei (4,5/5,0), Polen (4,5/4,5), Ungarn (3,5/3,9), Slowenien (3,4/3,5) und die Tschechische Republik (3,0/3,5). In allen CEE-Ländern mit Ausnahme Lettlands und Litauens hat das Bruttoinlandsprodukt sein Niveau vor Beginn der Transformation mittlerweile überschritten.

Die langsame Konjunkturbelebung in der EU-15 dürfte künftig die Nachfrage nach Produkten aus den neuen EU-Ländern ankurbeln, die zudem allmählich an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen, erwarten die Wirtschaftsforscher.

Eine zusätzliche Stütze des Wachstums dürfte die zunehmende Investitionstätigkeit in Ländern wie Polen und Tschechien sein. Nur in Lettland und Litauen ist mit einer leichten Verlangsamung des derzeit sehr hohen Wachstums zu rechnen.

Währungsunion-Teilnahme "problematisch"

Die angestrebte Teilnahme an der Währungsunion, die die Erfüllung der Maastricht-Kriterien voraussetzt, sieht das wiiw "mehreren Gründen problematisch": Denn die Verringerung der hohen Budgetdefizite in den meisten dieser Länder sei schwierig, und die Anhebung indirekter Steuern und regulierter Preise sowie die reale Konvergenz EU 15 werden inflationsfördernd wirken.

Einen dynamischen Aufholprozess bescheinigen die Prognosen auch bisher vergleichsweise rückständigen Ländern wie Bulgarien (4,5/4,0) und Rumänien (4,5/4,5), aber auch Russland (5,0/4,6) und der Ukraine (7,0/6,5), die gegenüber den neuen EU-Ländern aufholen konnten.

Südosteuropäischen EU-Beitrittskandidaten mit ersten Erfolgen

Insbesondere die südosteuropäischen EU-Beitrittskandidaten konnten erste Erfolgen der Umstrukturierung aufweisen. Der verstärkte Strukturwandel basiere wesentlich auf der Verlagerung internationaler Investitionsströme in diese Länder, während Ungarn und Slowenien 2003 zu Nettoexporteuren von Direktinvestitionen wurden.

In den kommenden Jahren dürften Bulgarien und Rumänien zusätzliche Direktinvestitionen anziehen, weil Produktionsstandorte in den "neuen" EU-Ländern in den nächsten Jahren immer teurer werden dürften.

Balkan mit Altlasten

In Kroatien (3,2/3,5) dürfte sich das Wirtschaftswachstum unter dem Druck der hohen Auslandsverschuldung verlangsamen. Serbien und Montenegro (3,0/4,0) und Mazedonien (4,0/4,0) stehen vor der schwierigen Aufgabe, das Erbe vergangener Konflikte zu überwinden.

Die sehr hohen Wachstumsraten in Russland und der Ukraine sind vor allem der lebhaften Exportkonjunktur zu verdanken. Die Wachstumschancen dieser Länder hängen jedoch davon ab, ob ihre hohen Leistungsbilanzüberschüsse im Inland in technologisch fortgeschrittene Branchen und den Dienstleistungssektor investiert werden, was ein günstiges Investitionsklima voraussetzt.

Kurzfristig bleibt die ökonomische Situation in Russland (und indirekt auch in der Ukraine) stark von der Entwicklung der Energiepreise auf dem Weltmarkt geprägt.

Annäherung auch bei Inflation und Arbeitslosigkeit

Eine weitere Annäherung der acht neuen EU-Mitgliedsländer aus Mittel- und Osteuropa ("CEE-8") an die "alten" EU-Länder ("EU-15") sehen die Wirtschaftsforscher auch bei anderen wirtschaftlichen Kenngrößen wie der Inflation oder der Arbeitslosenquote. Demnach werden die Verbraucherpreise bis auf wenige Ausnahmen in den neuen Mitgliedsländern weiter deutlich sinken: Im Durchschnitt der CEE-8 dürfte die Inflationsrate heuer (2004) mit 4,1 Prozent deutlich unter den 2,8 Prozent des Vorjahres liegen. Für 2005 ist ein weiterer Rückgang auf 3,4 Prozent zu erwarten. Die höchsten Inflationsraten sieht wiiw-Experte Vasily Astrov in diesem Raum in Ungarn (6,9/5,0 Prozent für 2004/2005), der Slowakei (8,0/5,0), Lettland (2,9/4,0) und Slowenien (4,0/3,5). Gegen den Trend höhere Preise seien in Polen (2,0/3,0) und Litauen (1,0/2,0) zu erwarten. Auch für die EU-15 wird ein weiterer leichter Rückgang der Inflationsrate von 2,0 Prozent im Jahr 2003 auf 1,8 (2004) bzw. 1,7 Prozent (2005) erwartet.

Neue Steuern

Mit ein Grund für die vergleichsweise hohe Inflation sind neue Steuern in mehreren CEE-Ländern auf Produktgruppen wie Tabak, Treibstoff oder Alkohol, erklärte Astrov. Nicht zuletzt mit höheren Steuereinnahmen wollen die Staaten ihr Budgetdefizit in den Griff bekommen.

Tendenziell sinken werde auch die Arbeitslosenquote, wenn auch wesentlich langsamer: Im CEE-8-Durchschnitt sollten 2004 14,7 Prozent ohne Beschäftigung sein, im Folgejahr 14,2 Prozent. Auch dieser Wert liegt noch fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt der "alten" EU-15-Länder (8,1/7,9). Die meisten Arbeitslosen pro Kopf weisen laut Studie Polen (20/19), die Slowakei (16/15), Litauen (12/11), Estland (10/10) und Estland (10/10) auf. (APA)

Links

Wifo

wiiw
Share if you care.