Alle Grenzen aufbrechen

26. Juli 2004, 14:39
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Ein Kongress mit Forscherinnen aus der erweiterten EU

Österreichs östliche Nachbarstaaten sind EU-Mitglieder geworden. Und: Hierzulande ist die Quote von Frauen in Wissenschaft und Forschung immer noch verblüffend niedrig. Beide Tatsachen waren Thema eines Kongresses, zu dem Milena, eine Initiative der Frauenabteilung der Stadt Wien, geladen hatte. Gekommen waren Forscherinnnen aus Österreich und den Beitrittsländern; gemeinsames Anliegen waren die Präsentation und Vernetzung von Forscherinnen-Initiativen über die durchlässiger gewordenen Landesgrenzen hinweg.

Wien, so meint etwa die renommierte Wiener Biochemikern Renée Schröder, könnte angesichts der offenen Grenzen zum Kristallisationspunkt von Forschung und Entwicklung in der gesamten Region werden. "Aber wird dürfen die Aufbruchstimmung nicht verschlafen." Denn sonst würden interessierte Forscherinnen gleich "in den fernen Westen" aufbrechen, anstatt nach Österreich zu kommen.

Was Forscherinnen aus den neuen Beitrittsländern nach Wien locken sollte, ist freilich nicht so recht erkennbar. Denn kaum anderswo in Europa haben Frauen so schlechte Berufsaussichten wie hier: An den Wiener Universitäten sind nur zehn Prozent der Professuren mit Frauen besetzt. Und in den betrieblichen Forschungsabteilungen ist Österreich mit einer Frauenquote von nur neun Prozent überhaupt europaweit Schlusslicht, das hat eine im Vorjahr publizierte Studie der EU-Kommission ergeben.

Projekte und Programme

Die international erfahrene Biologin Denise Barlow vom Vienna Bio Centre analysiert: "In Großbritannien werden Gesetze zum Schutz der Gleichberechtigung konsequenter durchgesetzt. In Österreich muss man dagegen ständig als Mitglied einer Minderheit um seine Rechte kämpfen." Was also tun? Am Kongress präsentierten Teilnehmerinnen aus Österreich, Tschechien, Ungarn und der Slowakei ihre Projekte und Programme zur Vernetzung, zur Mobilitätssteigerung und zur Bewusstseinsbildung in Sachen Geschlechterrollen. Das Wiener Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) stellte das Programm Fem-Power vor. Zwei Millionen Euro werden hier als Förderung für forschende Firmen ausgeschüttet, ein entsprechender Call ist vom 21. bis 24. Juni geöffnet. Förderbar sind nur solche Projekte, in denen Frauen die Feder führen.

Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie informierte über sein ähnlich gestricktes FEMtech Programm; Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur zeigte, was bei fForte für den weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs getan wird.

Informeller Kontakt

Mehr noch als Anleitungen zum richtigen Anzapfen der einschlägigen Fördertöpfe stand jedoch der informelle Kontakt der Forscherinnen und Aktivistinnen im Vordergrund. In den Kongresspausen wurden Adressen, Expertisen und Erfahrungen ausgetauscht. Wie sehr diese Art von Kontakten bisher gefehlt hat, zeigte die Geschichte von Marcela Linková vom Prager Kontaktbüro für Frauen in den Wissenschaften.

Die Sozialwissenschafterin hat ein Frauenforschungsprogramm initiiert, das in sieben EU-Ländern über fünf Jahre lang die Rolle von Forscherinnen untersuchen und dokumentieren soll. "Die fördernden EU-Stellen haben uns wirklich gedrängt, auch österreichische Partnerinnen mit in das Projekt ein zu beziehen. Doch auch nach monatelangem E-Mail-Verkehr hat sich niemand für eine Mitarbeit gefunden." Die EU war das letztendlich auch recht und finanziert das Projekt nun eben ohne österreichischer Beteiligung mit 700.000 Euro. (strau, DER STANDARD, Print, 10.5.2004)

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