Von Gmail zu Glife - das digitale Leben immer dabei

15. September 2004, 14:51
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Das Google-Angebot: unsere Mail immer dabei und für immer sicher verwahrt. Helmut Spudich wünscht sich das für den Rest unserer virtuellen Habseligkeiten

Google will Schluss machen mit ewig überfüllten Postfächern unserer Webmail, in denen nichts mehr zu finden ist. Gmail ist ein verlockendes Angebot für Konsumenten und gilt manchen Datenschützern bereits als Albtraum: ein Gigabyte Mail für jeden Benutzer, von Google so sicher aufgehoben wie Geld auf der Bank, so schnell wie eine Google-Suchabfrage zu durchforsten, das Ganze gratis.

Scann nach Stichworten

Da der Benutzer nichts zahlt, verdient Google sein Geld mit Inseraten - in Anbetracht der dezenten Google-Textinserate eine akzeptable Lösung und nicht störender als blinkende Banner auf Yahoo oder Hotmail. Was jedoch Kritikern des neuen Dienstes schon im Teststadium die Grausbirnen aufsteigen lässt: Damit das Inserat zur Mail findet, wird die Mail nach Stichworten gescannt. Das tun zwar bereits jetzt schon Spam- und Virenfilter bestehender Webmail-Dienste, aber durch die Verknüpfung mit Inseraten klingt es so, als ob tatsächlich jemand unsere Post liest.

"Glife"

Die Empörung darüber klingt naiv, denn Mail jeder Art läuft derzeit unverschlüsselt und damit ungeschützt über zahlreiche Computer. Nur weil sie am Ende auf dem eigenen Computer landet, ist das Briefgeheimnis nicht gewahrt. Aber Gmail zeigt mit seinem Angebot eine Entwicklungsrichtung: alle unsere Daten im Netz, und nicht (nur) auf dem privaten PC zu speichern. Auf meinem Notebook lagern derzeit 40 Gigabyte an Mail, Bildern, Dokumenten, Musik - ihre Sicherung ist lückenhaft, der Transfer von alten auf neue Geräte mühsam, und just wenn ein bestimmtes Bild oder Dokument besonders dringend gebraucht wird, ist das Notebook sicher nicht zur Stelle. Für viele User wäre die Speicherung im Netz sinnvoll - und nicht nur Gmail, sondern quasi "Glife", den "Rest" unseres digitalen Lebens.

Vertrauen

Daraus resultiert eine andere Thematik: Eine solch umfangreiche Datenbank unserer virtuellen Habseligkeiten müsste tatsächlich wie eine Bank sein: nicht nur technisch sicher, sondern auch vertrauenswürdig. Denn auch bei Banken geht es nicht nur um die Dicke der Tresorwand, sondern dass die Bank mit der intimen Information vertraulich umgeht, die sie durch den Geldverkehr über viele Aspekte unser Leben hat. Banken haben sich im Großen und Ganzen dieses Vertrauen erworben - aber eine Internetfirma?

Start

Diesen Beweis müssen selbst beliebte Firmen wie Google erst antreten - ein gut funktionierendes Gmail, über das es keine Beschwerden wegen Vertrauensbruchs gibt, wäre dafür ein guter Start. (Helmut Spudich, Rondo, Der Standard Printausgabe, 21.5.2004)

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    bild. google
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