Tosende Stadt mit stillen Inseln

12. Mai 2005, 10:26
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Madrid ist weltberühmt für sein nächtliches Rambazamba. Es gibt die Stadt aber auch in einer fast mucksmäuschenstillen Version

"Hola madre, ave Maria purísima", wäre die korrekte Begrüßung an der Gegensprechanlage des Klosters Corpus Christi. Man kann aber auch gleich zur Sache kommen. Die Sache der Nonnen in dem Madrider Orden des heiligen Jerónimas sind Kekse. Picksüße Kekse, von denen sie eine Sorte Himmelsspeck nennen.

Öffnet sich das unauffällige Tor des Klosters aus dem 17. Jahrhundert, bleibt man jenseits der Schwelle trotz der 16 Madres, die hier leben, mutterseelenallein. Die Orientierung ist ab nun eine Sache der Ohren, die dem leisen Murmeln einer Frauenstimme folgen. Die Nonnen hier in der Calle del Codo leben in Klausur. Folgt der Süßhungrige der Murmelstimme, gelangt er an einen Schalter mit einer hölzernen Drehtüre, kaum höher als ein Melkschemel. Das Holz ist schwer und blickdicht. Man bestellt Kekse.

Nachdem der von der Dienst habenden Nonne genannte Betrag in Münzen auf der Drehscheibe klingelt, setzt sich diese flugs in Bewegung. Einen Moment später spuckt die gespenstische Ladenbudel ein fein säuberlich geschnürtes Paket mit Mandelkeksen aus. Der ungewöhnlichen Warenausgabe folgt die Verabschiedung. Ein neuerliches "Maria purísima" wäre angebracht.

Die Schwestern des Jerónimas wissen nichts von der Post, die in Madrid vor allem nächtens abgeht. Die Stauwellen um vier Uhr morgens, die in den Klubs, Bars und Discos ihren Anlauf nehmen, sind ihnen fremd - allein auf der Calle de Atocha öffnen jede Nacht mehr Bars als in ganz Norwegen. Apropos Skandinavien: Die Klosterfrauen kennen auch nicht das in Brüssel offerierte Arrangement "Drei Tage Madrid ohne Hotel, nur Disco".

Vermutlich schlummern die Schwestern, wenn die Madrider Partytiger zu den behördlich verbotenen Botellóns ausrücken, nächtlichen Gelagen in den Parks, die dort aufgrund jugendlicher Wohnungsnot und Mangel an Barschaft stattfinden. Auch die grölenden Massen, die bei den Siegesfeiern der Real-Madrid-Fans auf die Plaza de la Cibeles pilgern, dürften den Schwestern niemals zu Ohren kommen. Victor Hugo schrieb: "Babel ist in Madrid, so zahlreich ist sein Volk." "Madrid me mata", umschreibt ein anderer Spruch das Nachtleben der Metropole. Die "unbefleckte Empfängnis" dürfte in den Lokalen rund um die Gran Via kein Thema sein. Doch der Wirbel in Madrid, das 1561, als es zur Hauptstadt wurde, gerade einmal ein paar Tausend Einwohner zählte, ist nichts Neues. Jeder, der die Stadt besuchte, dürfte in ihn geraten sein.

Der Madrider Schriftsteller Javier Marías meinte in einem Aufsatz über seine Heimatstadt ". . . man weiß ja, dass der Blick des Betrachters stets das Betrachtete dominiert . . ." Wie sieht es aber mit dem Behören aus? Wird das Ohr einer Stadt gerechter? Wohl kaum. Aber einen Versuch ist es wert. Wie sieht es zum Beispiel mit dem anderen, dem stillen Madrid aus? Gibt es dieses auch außerhalb der gesegneten Räume der Schwestern von Corpus Christi?

Es existiert, und es straft all die Stimmen Lügen, die behaupten, diese Stadt komme nie zur Ruhe. Nehmen wir einen Samstagmorgen. Spaniens Hauptstadt kann zu dieser Zeit so ruhig sein, dass man glaubt, dies sei ein von allen verlassener Ort, eine tote Stadt. Die Ampeln wechseln in diesen Stunden ihre Farben für die Katz, und nicht einmal eine solche taucht auf. Nur die Scherben der Vornacht deuten darauf hin, dass hier noch vor wenigen Stunden das Partygaspedal bis zum Anschlag durchgetreten wurde. Einsam klingt jetzt wieder das deutlich hörbare Glockengeläute auf der Plaza Mayor.

Auch die berühmte Bar Chicote auf der Gran Via ist so farblos wie ein geleertes Glas Rioja an einem solchen Vormittag. Nur die verschlafene Kellnerin gibt einen müden Schimmer Hoffnung, dass sich die Bar in der kommenden Nacht wieder überfüllen wird.

Diese Stunden eignen sich für das Studium der Fotos an den Wänden des wunderbar erhaltenen Art-déco-Lokals: Hemingway beim Tschechern, Ava Gardner beim Turteln mit ihrer großen Torero-Liebschaft, Pedro Almodóvar grinsend im Kreise seiner Fans. Sonst gibt es hier weit und breit keine Menschen zu sehen. Die Fotos erzählen von Nächten, in denen es sich empfiehlt, Lippen lesen zu können, denn das Schnattern und Schnalzen, das ratternde Rollen des spanischen R ist nach zwei Uhr morgens beinahe undurchdringlich.

Eine andere, ganz zauberhafte Stille bietet die Madrider Stierkampfarena Las Ventas, wenn Tausende Aficionados streng den Torero mustern und in manchen Momenten atemlos Sonnenblumenkerne knabbern, was die ganze Arena in einen zarten Geräuscheknäuel taucht.

Mucksmäuschenstill liegt jetzt auch er da, der Erholungspark Casa de Campo, in dem nur das Spiel des Windes in den Baumkronen eines märchenhaften Föhrenwalds zu hören ist. Fährt man mit dem Taxi von dort zurück zum Palacio Real, ist man allein auf den Straßen, allein mit dem Chauffeur. Eine Fußballaufzeichnung im Autoradio macht der taghellen Geisterstunde ein jähes Ende. Das rasend schnelle Geplapper des Sprechers hört sich an wie die WM-Endausscheidung im Zungenbrechen. Und wie laut sind in dieser Stille die Explosionen der Terroranschläge vom 11. März zu hören? Almudena Rodríguez Guridi, Fremdenführerin und Dolmetscherin, sagt, das Leben habe relativ bald wieder seinen gewohnten Lauf genommen. Sie bezeichnet die Madrilenen als ein stolzes Volk, das keine Angst zeigen will, denn das wäre ein weiterer Sieg für die Terroristen. Obwohl, manchmal überkomme sie

schon ein ungutes Gefühl, wenn sie am Bahnhof von Atocha ankommt. Die Tourismuszahlen haben sich laut Guridi nicht verschlechtert, was die Madrilenin als ein großes Zeichen der Solidarität von außen versteht. Sogar ein Plus von 47.000 Touristen in Madrid konnte man für den März im Vergleich zum Vorjahr verbuchen. "Nach den vielen Tränen brauchen wir jetzt etwas, auf das wir uns freuen können", erzählt sie von der Euphorie einer ganzen Menge von Landsleuten betreffend die Hochzeit des Kronprinzen Felipe mit der (ehemaligen) Journalistin Letizia Ortiz am 22. Mai.

Kaum ein Eck der Stadt, kaum ein Häferl in einem Souvenirshop bleibt vom Konterfei des feschen Paares verschont. Sogar von Fingerhüten schauen die Turteltauben aristokratisch auf Untertanen und Touristen. Seitenblicke auf Madrilenisch.

Und sonst, Senora Guridi, würden Sie sagen, Madrid ist eine laute Stadt? "Manchmal zu laut", meint sie. Ganz besonders wird das für den Hochzeitstag des spanischen Thronfolgers gelten, an dem es selbst am Vormittag für Madrid schwer sein wird, ein bisschen zu verschnaufen. Und wer weiß, vielleicht wird dann auch im kleinen Kloster in der Calle del Codo ein bisschen die Post abgehen. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/20/05/2004)

Info

Iberia fliegt ab Wien täglich nach Madrid. Information und Buchung unter Tel. 01 / 795 67 612 oder www.iberia.at
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    Eine Seitenstraße der Gran Via

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