"Hilfeschrei des ORF": Helmut Brandstätter im STANDARD-Interview

16. Februar 2005, 12:43
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Der Küniglberg ruft danach, kontrolliert zu werden - Mit seinem Stadtsender will der Puls TV-Gründer dem ORF Konkurrenz machen - auf einer Frequenz von ORF

STANDARD: Das medienpolitische Rätsel dieser Tage lautet: Verstehen Sie den Widerstand des ORF gegen eine Überprüfung, ob er sich an seine Werbebestimmungen hält?

Brandstätter: Wenn die zuständige Medienbehörde einen deutschen Sender dabei erwischt, dass er Werbegeld verdient, wie er es nicht dürfte, muss er diese Einnahmen zurückzahlen und möglicherweise noch Strafe, ob öffentlich-rechtlich oder privat. Ich sehe nicht, wie man einen Unterschied machen kann wie derzeit in Österreich.

STANDARD: Vielleicht hält sich der ORF ja auch ganz strikt an die Bestimmungen und will der Medienbehörde Personalkosten sparen, die er ja zum Gutteil finanziert.

Brandstätter: Wenn er selbst das Voting beim Song Contest mit Werbung unterbricht, kann man das nur als Hilfeschrei verstehen: "Wir wollen kontrolliert werden, sonst machen wir, was wir wollen".

Auch von "Willkommen Österreich" weiß ich, dass dort bezahlte Beiträge laufen. Der ORF hat es doch finanziell nicht notwendig, da und dort auch noch ein bisschen zu kassieren. Wir als Private leben ausschließlich von Werbung. Man soll uns doch bitte leben lassen.

Damit erspart sich der ORF ja auch Diskussionen, ob man nicht ein ORF-Programm privatisieren soll.

STANDARD: Stichwort leben: Sie verhandeln angeblich mit einem - ungenannten - Investor. Wie lange kommt Puls mit seinen derzeitigen Mitteln durch? 5,5 bis sechs Millionen Euro brauchen Sie zum Start heuer.

Brandstätter: Wir müssen jedenfalls keinen zweistelligen Millionenbetrag einnehmen, um zu überleben. Ab 2006 wollen wir schwarze Zahlen schreiben.

STANDARD: Wenn der Sender dann tatsächlich schon aus dem Gröbsten heraus ist, könnten Sie sich ja als ORF-Generaldirektor oder Infodirektor bewerben. 2006 wird dort gewählt.

Brandstätter: Für mich muss Puls ein erfolgreiches Unternehmen werden. Und dann glaub ich nicht, dass es etwas Interessanteres geben könnte.

STANDARD: Das Rathaus muss Interesse daran haben, dass Puls gesehen wird, damit auch "Wien heute" gesehen wird, das weiter auf diesem Kanal 34 läuft. Gibt es Zusagen?

Brandstätter: Wir haben Zusagen, dass es Werbung geben wird, aber natürlich in einem ausgewogenen Verhältnis zu anderen Medien.

STANDARD: Sie haben den Stadtsender Chum City TV aus Toronto als Vorbild genannt. Die haben sich selbst - mit einem österreichischen Partner - um die Lizenz beworben und unterlagen Puls. Haben da die Falschen die Lizenz gekriegt?

Brandstätter: Das würde ich so nicht sagen. Toronto ist ein mögliches Vorbild, aber in den USA entstehen derzeit überall Ballungsraumsender.

Heute ist das dank digitaler Produktionstechnik wirtschaftlich machbar. Daran war vor zehn Jahren noch nicht zu denken. (DER STANDARD; Printausgabe, 19./20.5.2004)

Zur Person

Brandstätter führte - nach langen Jahren als ORF-Journalist - n-tv, bis RTL im Vorjahr den Nachrichtensender übernahm. Bei puls will Brandstätter eine Sendung mit Seherreaktionen moderieren.

Die Fragen stellte Harald Fidler

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