Israelischer Einmarsch in Rafah: 19 Tote

18. Mai 2004, 18:48
123 Postings

Bau von Tunneln für Waffen­schmuggel soll unterbunden werden - Palästinensischer Arzt warnt vor "medizinischer Katastrophe"

Gaza/London - Nach dem israelischen Armeeangriff im südlichen Gaza-Streifen ist die Zahl der getöteten Palästinenser am Dienstag auf mindestens 19 gestiegen. Das teilten palästinensische Ärzte mit. Die Militäroperation sei zeitlich nicht begrenzt, zitierte der israelische Rundfunk am Dienstag Verteidigungsminister Shaul Mofaz.

Die israelische Armee stieß mit Panzern und Infanterie in das palästinensische Flüchtlingslager bei Rafah an der Grenze zu Ägypten vor, das als ein Operationszentrum extremistischer Gruppen gilt. Arabische Staaten forderten den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen auf, noch am Dienstag in einer Resolution die Zerstörung palästinensischer Häuser zu verurteilen.

Palästinensischer Arzt warnt vor "medizinischer Katastrophe"

Ein palästinensischer Notfallarzt hat am Dienstag vor einer "medizinischen Katastrophe" im Flüchtlingslager von Rafah gewarnt. Der Arzt Seif Abu Shawish sagte dem israelischen Rundfunk, die Armee hindere Krankenwagen daran, Schwerverletzte aus dem umkämpften Gebiet zu bergen. Das kleine Krankenhaus in Rafah verfüge nicht über eine Intensivstation. Viele Verletzte müssten sterben, wenn sie nicht in besser ausgerüstete Krankenhäuser transportiert würden.

Begründung

Israel begründet die Zerstörungen damit, dass die Unterkünfte als Deckung für angreifende Palästinenser und Endpunkt für Erdtunnel dienten, durch die Waffen aus Ägypten eingeschmuggelt würden. "Wir befürchten, dass Gaza zu einer Startrampe für schwere Waffen wird, die auf israelische Städte abgeschossen werden", sagte eine israelische Armeesprecherin. Im Kerngebiet des 90.000 Bewohner umfassenden Lagers bereiteten bewaffnete Palästinenser Hinterhalte vor und legten Bomben gegen die anrückenden Truppen. Hunderte von verzweifelten Zivilisten packten in aller Hast ihre Habe zusammen und luden Möbel und Kleider auf Eselskarren und Kleinlaster.

Scharfe Verurteilung durch die EU

"Was jetzt in Gaza geschieht, verstößt gegen Buchstaben und Geist des gemeinsamen Friedensplanes", sagte der außenpolitische EU-Beauftragte Javier Solana in Brüssel. "Wir verurteilen das scharf." Die Europäische Union habe Bereitschaft gezeigt, den israelischen Rückzug aus dem Gaza-Streifen zu unterstützen, wenn er in geordneten Bahnen verlaufe. Angesichts der Bilder von zerstörten Häusern und obdachlosen Kindern sagte er: "Das ist nicht die Art, wie wir uns den Rückzug vorgestellt haben."

Der britische Außenminister Jack Straw nannte das israelische Vorgehen "inakzeptabel". Die britische Regierung sei "vollkommen" gegen die Politik und Praxis von Hauszerstörungen durch die israelischen Sicherheitskräfte, die Zerstörungen seien unzulässig und stünden im Gegensatz zum Nahost-Friedensfahrplan (Roadmap).

US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice hatte nach einem Treffen mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmed Korei am Montag in Berlin gesagt, die USA hätten Israel zu verstehen gegeben, "dass einige seiner Handlungen nicht die beste Atmosphäre schaffen".

amnesty verurteilt Hauszerstörungen als Kriegsverbrechen

In einem in London veröffentlichten Bericht hat die Menschenrechtsorganisation amnesty international die Häuserzerstörungen als völkerrechtswidrige Kollektivstrafe und als Kriegsverbrechen verurteilt. Sie dienten auch der Ausweitung illegaler israelischer Siedlungen. "Beide Praktiken verletzen das Völkerrecht, und einige dieser Handlungen sind Kriegsverbrechen". Die beispiellosen Zerstörungen müssten sofort aufhören, forderte die Organisation.

Allein im Flüchtlingslager von Rafah leben nach UNRWA-Angaben rund 160.000 Menschen. Von ihnen hielten sich rund 30.000 in den von Zerstörungen betroffenen Gebieten auf. 12.600 Menschen seien inzwischen obdachlos, von denen 85 Prozent von der UNO registrierte palästinensische Flüchtlinge seien. UNRWA hat keine konkreten Zahlen, wie viele Menschen bisher Rafah verlassen haben. (APA/AP/Reuters/dpa)

  • Ein 60 Meter breiter Graben soll den Bau von Tunnel für Waffenschmuggel unterbinden.
    apa/mohammed saber

    Ein 60 Meter breiter Graben soll den Bau von Tunnel für Waffenschmuggel unterbinden.

Share if you care.