
18.05.2004 19:15
Bittere Häme gegen Bush
Nach Folterbildern aus Abu Ghraib muss US-Präsident George Bush neue mediale Attacken hinnehmen - Moores "Fahrenheit 9/11" bietet weitere verstörende Bilder - 1 Foto
Und weiter geht es mit der Demontage eines "gerechten" Kriegs. Wieder verstören Bilder aus dem Irak, die eindeutig nicht für die Netzwerke der medialen Kriegsberichterstattung gedacht waren: US-Soldaten, die an einem Weihnachtsabend irakische Familienhäuser stürmen; Invasionskrieger, die sich über die Größe der Gemächte gefangener bewusstloser Feinde mokieren; oder: invalide Amerikaner, die zuerst die Republikaner gewählt haben, jetzt Bush verfluchen und sich für die Demokraten engagieren wollen; die Mutter eines gefallenen Marines, die aus dem letzten Brief ihres Sohnes vorliest, in dem sich dieser über Bush beklagt.
Es sind dies durchaus Gegenpropagandabilder zur gängigen US-Kriegspropaganda, wenn man so will. Und sie übermitteln buchstäblich Totschlag-Argumente. Aber war der US-Satiriker, Dokumentarfilmemacher und Oscar-Preisträger Michael Moore (Bowling for Columbine) denn jemals ein Mann der feinen Klinge? Sein jüngstes Werk Fahrenheit 9/11, am Montag im Wettbewerb der 57. Filmfestspiele in Cannes präsentiert, weist ihn wieder als "groben Keil" für einen möglicherweise ebenso "groben Klotz" aus - der sein Ziel trifft.
Angekündigt war Fahrenheit 9/11 eigentlich als Essay über die geschäftlichen Verbindungen der Familien von George W. Bush und Osama Bin Laden. Bald scheint Moore und den Produzenten aber klar geworden zu sein, dass diesem Komplex von Macht und Geld weder mit toughen Recherchen noch mit Interviews (es gibt ja niemand welche) beizukommen ist. Fahrenheit 9/11 ergeht sich in der ersten Hälfte denn auch in einer relativ polemischen Montage von ungefilterten TV-Bildern, in denen Moore im Wesentlichen wiederholt, was er auch in seinen Bestsellern fortwährend (und ohne gerichtliche Konsequenzen) behaupten darf: Bushs wahlentscheidender Sieg in Florida war eine Manipulation; der selbst ernannte "Kriegspräsident" agiert vor allem im Interesse seiner Familie; der Irakkrieg war längst geplant.
Moore hält sich dabei als Selbstdarsteller erstaunlich zurück, wohl auch, weil ihm für seine klassische Erzählung - wie kriegt man auf höchst vielsagende Weise kein Interview - keine geeigneten Gegenspieler zur Verfügung standen. Dennoch: Die Kaskaden alter und neuer Bushismen, die er auf der Leinwand entfacht, haben hohen Unterhaltungswert und lassen den Präsidenten blöd aussehen.
Wirklich brisant wird Fahrenheit 9/11 also erst in der zweiten Stunde, wo Moore tatsächlich auf ein Terrain zurückkehrt, in dem er kompetent agiert: seine alte, heruntergekommene Heimatgemeinde Flint/Michigan. Dort beobachtet er etwa, wie junge Arbeitslose für den Wehrdienst geködert werden. Von der Regierung im Stich gelassen, dürfen sie sich jetzt zumindest als menschliche Schutzschilde bewähren. Er zeigt den Stolz und den Optimismus einer Mutter, die über ihren Sohn sagen kann: "Er hat es geschafft." Und dann: ihren Zusammenbruch.
Aus welchen Kanälen das schockierende Bild- und Tonmaterial aus dem Irak stammt, ist - ähnlich wie zuletzt bei den Folterbildern aus Abu Ghraib - schwer zu ermitteln. Offenkundig verfügt Michael Moore mittlerweile über einen Stab von freien Mitarbeitern, die ihn mit Materialien versorgen, die er aufgrund seiner Prominenz und der Umstrittenheit seiner Methoden so nicht mehr erhalten würde. Insofern agiert er in und rund um diesen Film auch eher wie ein Medienstratege denn als Dokumentarist und lanciert vor allem Behauptungen (von denen allerdings nur die Hälfte wahr sein muss, um das Ansehen Bushs im Wahlkampf ernstlich zu beschädigen).
Bereits am Sonntag erklärte Moore in einer Podiumsdiskussion im US-Pavillon an der Croissette: Das Weiße Haus habe gegen seinen Film interveniert und etwa auf Mel Gibson, der den Film ursprünglich finanzieren wollte, Druck ausgeübt. Disney-Chef Michael Eisner wiederum, der den Verleih des Filmes unterbinden wollte, aber steuerliche Interessenkonflikte in Florida als Ursache seines Rückziehers von sich wies - alles was dieser sagte, sei, so Moore " nicht wahr".
Mittlerweile stehen die Chancen, dass Fahrenheit 9/11 noch im Juli in die Kinos kommt, wieder ziemlich gut. Moore: "Die Leute werden den Film sehen, selbst wenn ich zivilen Ungehorsam begehen muss - es gibt auch DVDs ..." (DER STANDARD, Printausgabe, 18.5.2004)
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