Wenn Mama Matura macht

29. Juni 2004, 16:35
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Die Windeln im Rucksack, die Gehschule im Klassenzimmer: Junge Mütter zeigen, wie man Schule und Kind unter einen Hut bekommt

"Ich bereue meine jetzige Situation überhaupt nicht", sagt die 17-jährige Katharina Steurer und lächelt. Die Schülerin erwartet im November ein Baby und freut sich bereits darauf. Doch, gesteht sie, sei die Freude erst mit der Zeit gekommen, anfangs war sie nicht so begeistert.

Weltweit wird etwa jedes zehnte Kind von einer Mutter geboren, die selbst noch fast ein Kind ist. Zu diesem Ergebnis kam die Hilfsorganisation "Save the Children" im aktuellen Bericht "State of the World's Mothers 2004". Sterben in Entwicklungsländern jährlich knapp 70.000 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren während einer Schwangerschaft oder der Geburt, so nimmt die Zahl der Teenagerschwangerschaften auch in Industrieländern zu. In den USA haben fünf Prozent der Frauen mit zwanzig bereits ein Kind bekommen, in Deutschland etwa ein Prozent. Maturantin Nicole Roch (20) hat vergangenen November ihren Sohn Jan bekommen. Für sie war von Anfang an klar, dass sie die Schule fertig machen würde. "Es ist mühsam mit Kind, aber es ist machbar", erklärt sie sachlich.

Klares Nein "von oben"

Nach den positiven Reaktionen von Lehrern und Mitschülern wollte sie Jan eigentlich in ihr Gymnasium mitnehmen. Doch als die Direktion beim Stadtschulrat um Erlaubnis ansuchte, erhielt sie von dort ein klares Nein. "Der zuständige Hofrat meinte, das wäre nicht möglich, da es die Mitschüler stören würde." Also kam Jan zu einer Tagesmutter, ein paar Mal dann aber doch mit in die Schule. "Das war dann immer sehr locker", meint Nicole rückblickend, "Babys schlafen in diesem Alter ohnehin die ganze Zeit."

An der Wiener Rudolf-Steiner-Schule war es vor zwei Jahren kein Thema, ob die damals 17-jährige Marie Louise ihren Sohn Seth-Moses in die Schule mitnehmen darf. Ihre Klassenlehrerin sagte klar: "Das hat zu funktionieren." Die Mitschüler kümmerten sich wie eine Großfamilie um den Nachwuchs, von Sich-gestört-Fühlen war keine Rede. "Wenn man als Schülerin ein Kind erwartet, bleibt trotz allem die Frage, ob man sich das nicht vorher besser hätte überlegen können", zeigt sich Johannes Schneider von www.junge-vaeter.at gegen über dem SchülerStandard skeptisch. Der digitale Leitfaden soll gerade jungen Vätern in der "stressigen Zeit" helfen. Den Aufklärungsbedarf rund um den Umgang mit einem Baby schätzt Schneider als hoch ein. "Säuglingsumgang ist im Lehrplan eines Gymnasiums nicht vertreten", weshalb man sich früh informieren sollte. Nicole hingegen ist überzeugt: "Man hat als Mutter auch einen Instinkt, was man machen muss – und das ist dann auch richtig." Auch Katharina fühlt sich ihrer Aufgabe gewachsen. "Ich habe keine Angst davor, Mutter zu sein", sagt sie sicher.

Unterstützung bekommt sie sowohl von den Eltern als auch von ihrem Freund., "die sich alle schon darauf freuen". Man müsse sich aber über legen, "inwiefern ein Kind in den Schulalltag eingebunden werden kann", meint Schneider und beurteilt diese Situation als "problematisch". Denn: "Ein Baby hält sich an keine Regeln. Und für die Schülerin ist es sicher auch nicht leicht, sich gleichzeitig auf ihr Kind und auf den Unterricht zu konzentrieren."

Baby als Ansporn

Für Nicole war das kein Problem. Sie beschreibt Jan sogar als Ansporn zum Lernen. "Das war der Reiz, dass ich trotz allem die Matura schaffen wollte – mit ihm." Die schriftliche Matura hat Nicole bereits erfolgreich hinter sich gebracht. Katharina besteht nicht darauf, ihr Baby unbedingt mit in die Schule zu nehmen. Sie kann sich auch vorstellen, es bei einem Babysitter unterzubringen. Die Matura will sie nächstes Jahr machen – "zumindest habe ich das im Moment vor, doch der Geburtstermin ist erst im November . . ."

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    standard/regine hendrich
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