Die Ruhe nach dem Sturm

6. Juli 2004, 13:37
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Der GAK ist erstmals Österreichs Fußball­meister - Trainer Walter Schachner muss sich erst vergegen­wärtigen, was passiert ist

Graz - Ruhig stand der Mann da. Er hatte einen Becher Bier in der Hand und schaute fern. Über das maßgeschneiderte Hemd hatte er sich ein rotes T-Shirt gezogen, auf dessen Vorderseite "Wir sind Meister 2004" geschrieben stand. Am Bildschirm lief die Zusammenfassung von Mattersburg gegen Austria. Fülöp hatte gerade das 1:0 geschossen. Der Meistertrainer wiegte den Kopf, dann schaute er sein Bier an. Walter Schachner nahm einen Schluck.

TV-Analyst

Während draußen die Fans des Grazer Athletik-Klubs von 1902 den Rasen des Arnold-Schwarzenegger-Stadions in Besitz nahmen, spielte er den TV-Analysten. "Da Akoto! Schau, wie der angreift. A Katastrophn." "Da Ratajczyk. A Wohnsinn." Als Günter Kronsteiner und Lars Söndergaard am Bildschirm erschienen, sagte einer aus dem Hintergrund: "Die werden's aussihaun. Manst ned, Walter?"

Schachner antwortete zuerst nicht. Sein Blick hielt am jubelnden Köszegi fest, der soeben das 4:1 erzielt hatte. Dann sagte er: "Wahrscheinlich." Es kümmerte ihn nicht. Binnen zwei Spielzeiten hat der 47 Jahre alte Trainer den Tabellenletzten der T-Mobile-Bundesliga zu ihrem Meister gemacht. "Ich hab's noch nicht realisiert", sagte er eine Stunde nach Abpfiff der Partie gegen Pasching, die 1:1 endete und dem GAK, der am Donnerstag noch zur Admira muss, den uneinholbaren Vorsprung von vier Punkten auf die Austria bescherte. Die offizielle Meisterschaftsfeier ist für Freitag geplant. Ins Gesicht des Mannes mit dem Schnauzer, den die Austria einst trotz überlegener Tabellenführung für Christoph Daum entlassen hatte, war keine Schadenfreude zu erkennen. Die Favoritner sind ihm heute wirklich wurscht. Sie haben verloren, der GAK ist Meister. Das zählt. Über die Tatsache, dass es seine Mannschaft fast noch verpatzt hätte, verlor im Zuge der Feiern keiner mehr ein Wort.

Hätten Datoru und Mayrleb an diesem warmen Samstagnachmittag in Liebenau etwas mehr Zielwasser gehabt, wer weiß, was die letzte Runde noch gebracht hätte. So brachten sich die Gäste selbst um den Lohn der Arbeit, in der 22. Minute veränderte Kiesenebner die Flugbahn einer Flanke Aufhausers mit der Hand, Kollmann schoss den aus der Aktion resultierenden Elfer präzise ins rechte Eck. Mit der Führung und den nunmehr enthusiasmierten Fans im Rücken dominierte der GAK fortan die Partie, seine Chancen aber vermochte er nicht zu nutzen. Auch deshalb, weil er sich zu früh zu sicher fühlte.

Ausbruch der Emotionen

Über die Lautsprecher war kein Ton vom Spielstand in Mattersburg gekommen. In Zeiten der über Mobiltelefonie vertriebenen Kurznachrichten kein wirkliches Hindernis. Die Ereignisse im Burgenland bahnten sich im Schwarzenegger-Stadion per Mundpropaganda den Weg. So lange, bis sie auch die Spieler erreichten. Der Kopfballtreffer von Kovacevic (71.) passte nicht ins Konzept der Meisterfeier. Weil die Paschinger aber am Ende nicht mehr willens waren und der GAK nicht mehr fähig, einigte man sich auf einen Nichtangriffspakt.

Dem Abpfiff folgte der Ausbruch der Emotionen. Roland Kollmann, der zu lange auf dem Platz ausgeharrt hatte, reichten die Fans auf Händen bis zum Kabineneingang. Emanuel Pogatetz schaute kurz auf, als er seinen Präsidenten Rudi Roth beim TV-Interview erblickte. Er hielt inne, überlegte, was zu tun sei, dann schrie er den ORF-Interviewer an: "Meister!" "Meister", wiederholte er noch einmal für sich selbst, ganz leise. Dann verschwand er in den Umkleideräumen. Und Walter Schachner schaute weiter fern. (Klaus Stimeder, DER STANDARD Printausgabe 17.05.2004)

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    Der Meistertrainer von seinen Spielern auf Händen getragen.

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