Wo die Uhren anders gehen

24. Mai 2005, 11:42
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Sansibar ist eine geschichtsträchtige Insel und versucht Gegenwart und Zukunft zu meistern.

Wir sitzen im Innenhof eines typischen, mehrteiligen Hauses aus Korallenstein und Palmenblättern in Jambiani, einem Dorf unter Kokospalmen an der Ostküste von Sansibar. "Wo liegt das gleich?" lautet die häufigste Frage, wenn man von der sagenhaften Insel jenseits von Afrika erzählt.

Zwei Schnellbootstunden vor Dar Es Salaam, der Hauptstadt Tansanias, entwickelt sich der ehemals größte Sklaven- und Gewürzumschlagplatz der Erde derzeit zum begehrten Urlaubsziel. Das kaum 90 Kilometer lange und 50 Kilometer breite, flache Eiland - in der Landessprache Swahili "Unguja", die Fruchtbare, genannt - hat einiges zu bieten: eine Geschichte voll von Sultanen, Palästen und Abenteurern, weitgehend intakte Natur mit blütenweißen palmengesäumten Stränden und einem bunten Korallenriff zum Tauchen und Schnorcheln sowie unendlich freundliche Menschen. Bei näherem Hinsehen lässt sich noch mehr entdecken: Menschen, die diese Geschichte tabuisieren, weil sie ihre Opfer waren, Entwicklungs- und Umweltprojekte, die vom Aussterben bedroht sind, weil die politische Situation die internationalen Geldgeber verzweifeln ließ, und sehr viel Arbeit, die nicht getan wird, weil es entweder an Know-how oder an der Lust dazu fehlt.

Auf dem Flughafen von Sansibar zu landen ist zwar einfacher, die schönere Anreise ist jedoch, mit dem Boot auf "Stonetown", die berühmte, arabisch-indische Altstadt von Sansibar-Stadt zuzufahren, vorbei an Chumbe Island, einem kleinen, exklusiven Tauch- und Schnorchelparadies. Der Blick bleibt unweigerlich an einem Gebäude hängen, das längst zum Wahrzeichen der Insel geworden ist: Das "House of Wonder" mit seinen Säulen und einem Turm, der an einen englischen Clock-Tower erinnert, war früher ein Teil des Sultanspalastes. Der Spitzname rührt daher, dass es dort erstmals auf der Insel Strom, fließendes Wasser und sogar einen Fahrstuhl gab. Heute steht es leer. Einen kleinen Einblick in den üppigen Teil der sansibarischen Geschichte bietet das Palast-Museum gleich nebenan. Hinter den von der hohen Luftfeuchtigkeit geschwärzten Mauern wurde zusammengetragen, was von 300 Jahren Sultansherrschaft blieb: Möbel aus allen Epochen, riesige Luster aus Murano, Gastgeschenke und eine riesige englische Standuhr, die sechs Stunden nach geht. "Sansibar-time" erklärt der Führer in breitestem African-English. Die Zeitrechnung entspricht der Geschwindigkeit und dem Rhythmus dieser Insel tatsächlich mehr als die europäische. Stonetown wurde zwar von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, der Kampf gegen Luftfeuchtigkeit und den Verfall des architektonischen Juwels ist allerdings schwer zu gewinnen.

Die Gassen zwischen den vielen heruntergekommenen Häusern mit den schweren, geschnitzten indischen Holztüren sind so verwinkelt wie die sansibarische Geschichte. Der blühende Menschenhandel war erst 1873 verboten worden, die Sklaverei erst 1897. Damit nicht genug, zerstörte ein Orkan die zweitwichtigste Einnahmequelle der Insel, die Nelkenplantagen in der fruchtbaren Landesmitte. Was übrig geblieben ist, wird zwar noch bewirtschaftet, eine wichtige, neue Einkommensquelle sind aber die "Spice-Tours", ohne die heute kaum ein Sansibar-Reisender die Insel verlässt. Hautnah lässt sich dort erfahren, wie Muskatnüsse, Ingwer, Kardamom, Zimtrinden, Pfeffer und Gewürznelken in freier Natur wachsen, begleitet von einer Schar Kinder und unserem Guide Hadji, der sich auf allen Touren über die ruppigen Straßen um uns kümmert - sei es in das letzte Stück Regenwald, Jozani Forrest, zu den persischen Bädern oder zur Ausfahrt mit einer "Dhau", einem der traditionellen Boote zum Schnorcheln im lauwarmen, glasklaren Wasser des Riffs.

Mit der Revolution von 1964 wurden die ursprünglich arabischen und indischen Besitzer der Plantagen und der steinernen Stadt samt dem letzten Sultan Jamshid von der schwarzen Mehrheit vertrieben oder umgebracht. Den neuen Bewohnern von Stonetown, Freunden des ersten sozialistischen Präsidenten Sansibars, Karume, fehlte meist das Geld und die nötige Erfahrung, um die Herrenhäuser zu erhalten. Heute ist es oft schon zu spät. Die wenigen Ausnahmen bilden stilgerecht renovierte, prachtvolle Guesthouses und Hotels mit wiederum indischen, arabischen oder amerikanischen Besitzern. In den kühlen Innenhöfen und auf den luftigen Dachterrassen lässt sich noch etwas vom Lebensgefühl der ehemals Privilegierten erahnen.

In den schmalen Gassen von Stonetown herrscht der Alltag. Frauen in Kangas, bunten Wickeltüchern oder Bui-buis, den traditionellen, schwarzen, moslemischen Umhängen balancieren ihre Einkäufe auf dem Kopf heim oder sitzen in Gruppen plaudernd auf den kleinen Plätzen, die sich immer wieder auftun. Kinder spielen mit Fußbällen aus zusammengebundenen Plastiksackerln und begrüßen jeden Passanten freundlich mit "jambo". Männer - viele von ihnen arbeitslos - sitzen gemeinsam auf den hohen Gehsteigen, reden, rauchen und spielen eine Art Brett-Spiel. Als Spielsteine dienen Kronenkorken von Cola- oder Fanta-Flaschen, die hier weniger als Trinkwasser kosten. Die Zeit scheint still zu stehen. Doch schon wenige Gassen weiter vor dem alten Markt bahnen sich Busse, Geländewagen, Motorräder und unzählige Radfahrer den Weg durch eine bunte Menschenmenge und enge Geschäftsstraßen, in denen Plastikschlapfen, Plastikuhren und Plastikgeschirr das Bild prägen. Die Zivilisation hat auch hier Einzug gehalten - wenn auch in Sansibar-Zeit. (DER STANDARD, Printausgabe 10/2000)

Von
Monika Graf
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