Elefanten unter der Tischdecke

24. Mai 2005, 12:31
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Vergessen Sie "Universum" - und lassen Sie sich vom kleinen Bruder des größten Landsäugetiers ganz entspannt Ihr Sandwich stehlen.

Bevor die Enttäuschung allzu groß wird: Das durchaus eindrucksvolle Erlebnis, handfesten Löwen bei zumindest ebenso handfesten Aktivitäten zur Arterhaltung zuzusehen, haben Sie fürs erste versäumt. Das nämlich, wir können es bestätigen, tun sie im Djuma Game Reserve, am Rande des südafrikanischen Kruger Nationalparks, mit Vorliebe im November.

Das Ergebnis der lautstarken Bemühungen, auf daß ein Löwe und eine Löwin so richtig zusammenfinden, können Sie im Februar ebendort bewundern, tröstet Wildhüter Graham. Nebst Giraffen, Elefanten, Zebras, Warzenschweinen, Baumschlangen, hochaktiven Mistkäfern und was man sich sonst so als durchschnittlicher Mitteleuropäer an Fauna erwartet, wenn man mit einem Jeep zu gemeinhin nachtschlafender Zeit durch die südafrikanische Savanne gekarrt wird.

Der Kruger Nationalpark verlangt aufmerksame Besucher. Ohne unsere kleinbuslenkenden Begleiter Chris und David hätten wir die großen dunkelbraunen Flecken knapp unter der bräunlich-grünen Wasseroberfläche auch nicht ganz so messerscharf interpretiert. Von dem Breitmaulnashorn (oder war es doch ein Spitzmaul?) in einigen hundert Meter entferntem Gebüsch ganz zu schweigen.

Entscheidender Nachteil für den Blick, klarer Vorteil für Gras und Strauch: Im Gegensatz zu den privaten Game Reserves, die an den Nationalpark grenzen, darf in ebendiesem auf Motivsuche nicht querfeldein gebrettert werden.

Aussteigen empfiehlt sich übrigens in beiden Fällen nicht. Vor allem vor einer noch so freundlich dreinschauenden Elefantenherde. Oder haben Sie die Nerven, einfach gelassen stehenzubleiben, wenn einer oder gleich alle auf die Idee kommen, in Ihre Richtung loszutrampeln? Bei der ersten Attacke, sagt zumindest Graham, stellen die dezenten Tierchen Sie nämlich nur auf die Probe. Gefährlich wird's erst, wenn Sie die nicht bestehen - und rennen. Wir würden Sie natürlich verstehen.

Ein gutes Stück weiter südlich rennen Sie höchstens in die Gegenrichtung, wenn Sie Bekanntschaft mit angeblich bemerkenswert nahen Verwandten dieser Elefanten machen. Und um die kommen Sie kaum herum, wenn sie nicht den vielleicht gediegensten Punkt des südlichen Afrika - wir sprechen neben der gleichnamigen Republik auch von Swaziland und Mozambique - verpassen wollen.

In Kapstadt, sagt zumindest unsere nette Reisebegleiterin Silke, sollten Sie zwar nach 17 oder 18 Uhr nicht mehr unbedingt sorglos durch die Innenstadt spazieren. Aber, so behaupten wir, auf keinen Fall die Fahrt mit der Schweizer Präzisionsgondel auf den Tafelberg auslassen. Fühlen Sie sich jetzt einfach kurz in die Pflicht genommen: Rauffahren, tunlichst am späten Nachmittag. Auf einen Stein setzen. Und schauen. Auf die "Tischdecke" der Tafel zum Beispiel, die sich ziemlich eindrucksvoll über das Plateau zieht, wenn Wind vom Meer zur Wolkenschicht kondensiert.

Bevor Sie vor Romantik vergehen - der Sonnenuntergang kommt ja erst -, sollten Sie Ihren Blick zwischendurch auch auf eventuell mitgebrachte oder in Höhenluft erstandene Jausenpäckchen lenken. Sonst - siehe oben - laufen sie einem Bruder des Elefanten nach. Wenn auch einem kleinen: Klippschliefer heißen sie und haben ihren Ernährungsplan dank karger Vegetation auf dem Hochplateau auf die Snacks der Touristen spezialisiert. Warum die kleinen, aber schwanzlosen Biber-Lookalikes eng mit den großen Rüsseltieren verwandt sein sollen, die ja auch nie auf die Idee kommen würden, Ihnen eine Wurstsemmel zu klauen, können wir Ihnen übrigens nicht wirklich erklären. Intensive Recherchen ergaben: Der Berliner Zoo sagt ja zur nahen Verwandtschaft mit den Dickhäutern ("die kleinsten Elefanten der Welt"), Schönbrunn hingegen eher nein.

Wäre da nicht noch Simonstown, kaum eine Autostunde von Kapstadt Richtung Kap der Guten Hoffnung, wir würden Sie auch nicht länger mit irgendwelchen Viechereien belästigen. Wegen der Pinguine, die sich dort umringt von Touristengrüppchen in der Mittagshitze am Strand ziemlich lustlos die Füße in den Bauch stehen, müssen sie auch gar nicht unbedingt hin. Unsere Empfehlung: Ein bis zwei Buchten weiter zwischen den eindrucksvollen Riesensteinblöcken in den Sand legen, kurz anbraten und ein bißchen schwimmen. Sie werden die kurze Erholung noch brauchen, wenn Sie uns weiter quer durch den südlichen Zipfel Afrikas folgen wollen.

Vom südlichsten Zipfel des Kontinents kann ja bekanntlich keine Rede sein: Den sucht man am Kap der Guten Hoffnung vergebens - wie früher übrigens auch den ersten Leuchtturm am Cape Point gleich nebenan, den der Konstrukteur einfach zu tief ansiedelte: In Dunst und Nebel haben ihn jedenfalls die wenigsten Seeleute auch tatsächlich rechtzeitig zu Gesicht bekommen. Beim zweiten Versuch, eine Etage höher, hat es denn ja doch funktioniert.

Wenn Sie weder wildes Getier noch die Tücken der Seefahrerei besonders interessieren, kann Ihnen dennoch geholfen werden. Für Liebhaber bergiger Kleinstaaten, die nicht unbedingt an Österreich grenzen, empfiehlt sich Swaziland. Zwischen Naturparks wie Malolotsha und dem gediegenen Memorial für König Sobhuza II. kann man hier durchaus elegant das Eisen zur beschleunigten Fortbewegung kleiner Kunststoffbälle in Richtung fast so kleiner, beflaggter Erdlöcher einsetzen. Wenn man das mag.

Mozambique wiederum muß eine sehr schöne Hauptstadt namens Maputo gehabt haben, bevor Dekaden des Bürgerkriegs den Wohlstand in diesen Breiten nicht unbedingt gefördert haben. Wer es lieber weniger authentisch hat und leicht vergißt, der kann das ja an einem der Traumstrände, in einer der Luxuslodges des Bazaruto Archipels vor der Küste Mozambiques versuchen.

© DER STANDARD, 19./20. Dezember 1998 Automatically processed by COMLAB NewsBench

Von Harald Fidler
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