Mbah fährt mit dem Bus

24. Mai 2005, 15:27
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Die Lehmburgen wurden früher von den Berbern bewohnt, heute sind sie Hollywoodkulisse.

Mbah ist Reiseleiter für Bustouristen. Mbah hätte es schlimmer erwischen können, beruflich. Er könnte zum Beispiel Bauer sein, wie 40 Prozent der Einwohner Marokkos. Dann wäre er zwar von der Steuer befreit, seit der großen Trockenzeit Mitte der 80er Jahre, hätte aber nicht nur mit dem Wasser seine Probleme: Beim Vererben wird das Land auf die Söhne aufgeteilt, dadurch immer unrentabler. Zudem ist die Mechanisierung nicht wirklich weit: Esel und Holzpflüge sind zwar ein schönes Fotomotiv, aber im Alltag eher mühsam.

Von den Dörfern sind 85 Prozent ohne Strom, 70 Prozent ohne Trinkwasserversorgung und 57 Prozent nicht über eine Straße erreichbar. Kein Wunder, daß es in größeren Dörfern, denen mit Wochenmarkt, statt Autoparkplätzen Eselparkplätze gibt. Eines gibt es in jedem Dorf, egal wie arm es ist: Bilder vom König.

In den größeren Dörfern, zumindest in denen an den Rundreise-Routen, sind Touristen willkommen: als Dirham-, Bonbon- und Kuli-Lieferanten für die Kinder. Die Touristen kriegen dafür Tee, was sich jetzt leicht anhört, aber eine Zeremonie ist: Tee und Pfefferminzblätter zum Kochen bringen, mit der Machete vom Zuckerbrocken ein Stück abhauen. Teekanne hoch nach oben halten, eingießen, wegschütten. So lange einschenken, bis sich Schaum bildet. Dann mindestens drei Gläser trinken. Sagt Mbah.

Marokko ist ziemlich schön, soweit man das aus dem Autobus beurteilen kann. Sehr hohe Berge: Die 700 Kilometer lange Atlaskette mit dem mit 4167 Meter hohen Toubkal höchsten Berg Nordafrikas. Ziemlich hohe Berge: Die Antiatlaskette. Berge, Berge, hört sich vielleicht jetzt eher fad an. Stimmt aber nicht: Erstens spielen die Berge fast alle Farben, zumindest alles, was es an Gelb, Braun, Grün und Rot so gibt. Zweitens liegt dazwischen die Wüste, und die bietet auch allerlei: Kamele. Ziegen auf dem Baum. Oasen. Beduinen. Und drittens gibt es auf den Bergen imposante Lehmburgen. Die früher einmal nur von Berbern benutzt wurden, heute zwischendurch auch von Hollywood, als Kulisse für "Die letzte Versuchung Christi" etwa. Die Burgen in Ait Benhaddou hat die Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Soviel zu den Bergen.

Von Marrakesch aus sieht man ihn noch, den Atlas. Besonders, wenn Schnee darauf glitzert. So oft kommt man aber nicht zum Hinschauen, weil es in Marrakesch selbst ziemlich viel zum Sehen (und Riechen!) gibt. Die Stadt war Anfang des Jahrtausends Hauptstadt des Almoraviden-Reiches. Von den Almoraviden und ihren Nachfolgern, den Almohaden, blieb die Koutouibia-Moschee, deren 77 Meter hohes Minarett das Wahrzeichen der Region ist.

Daß ein paar Jahrhunderte später die Mauren mit Gold-und Sklavenhandel ziemlichen Reichtum ansammeln konnten, bezeugen das Mausoleum und Reste des Palais', das einmal angeblich 360 Räume groß war, jeweils mit blattgoldverzierten Schnitzdecken.

Aus der Gegenwart sind die Souks, der riesige Bazar in der Altstadt von Marrakesch, der weitläufigste Marokkos. "Es ist würzig in den Souks, es ist kühl und farbig", beschrieb es Elias Canetti in "Die Stimmen von Marrakesch", und damit ist alles und gar nichts gesagt. Würzig etwa ist ein Hilfsausdruck für die langen, engen Gassen voller aufgetürmter, bunter Gewürze, herabhängender Teeblätter und allerlei geheimnisvollen Arzneien, Schönheitsmittel und Naschereien. Die Mbah touristengerecht mit "Berbernutella" oder "Berberlippenstift" erklären kann.

Jeder Handwerkszweig hat seine eigenen Gassen. Goldschmiede, Kupferschmiede, Kunstschmiede, Töpfer - alle stellen ihre funkelnden Gegenstände aus und arbeiten hinten in der Werkstatt daran. In den Gassen der Färber hängen tropfende Wollbündel an den Hauswänden, jeden Tag in einer anderen Farbe. Und in den Werkstätten der Schneider kann man die Nähmaschinen, von denen die Oma erzählt hat, in Aktion sehen.

Touristen und Einheimische unterscheiden sich in den Souks nicht nur durch Kopftücher und Sprache. Sondern auch dadurch, daß Touristen einen Fremdenführer brauchen, um aus dem Gewirr der Gassen, Gäßchen, Moscheen und Wandbrunnen wieder herauszufinden. Ohne Mbah und Kollegen kämen sie nie wieder zu ihrem Bus, der auf dem Platz der Gaukler, neben den Schlangenbeschwörern steht.

Ja, Sultanstädte gäbe es auch in Marokko. Fès, Meknès und Rabat. Sollen sehr schön sein. Dort ist der Bus aber nicht hingefahren. (Der Standard, Printausgabe)

Von Eva Linsinger
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