Der Wert der Souveränität

30. September 2004, 15:15
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Selbstbestimmung eröffnet Handlungsspielräume, macht innovativ und kreativ - und sie schafft Verantwortung - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Freiheit ist ein hoher Wert. Für Larry Page und Sergey Brin, Gründerväter von Google, könnte die Freiheit zehn Mrd. Dollar kosten - laut Analysten bis zu 30 Prozent vom erwarteten Wert von 40 Mrd. Dollar, wenn sich Google nicht den üblichen Spielregeln fügt. Aber genau von diesen wollen sie sich befreien. Googles Börsengang, gegen alle Gepflogenheiten ohne Konsortium als Internetauktion geplant, wird zur (Macht-)Probe aufs Exempel zwischen Kapitalmarkt und Firmenkapitänen: Wer bestimmt den Kurs - heute und in Zukunft? Laut Page und Brin die Unternehmer.

Daher: Nur Vorzugsaktien mit einem Zehntel der Stimmrechte, keine Quartalsprognosen - "so sinnlos, wie wenn jemand, der eine Diät macht, alle halbe Stunde auf die Waage steigt" -, keine Anpassung der üppigen Mitarbeiterleistungen, kurz: keinerlei Absichten, "ein normales Unternehmen zu werden". Bisher ungehört - so auch das Lob von Wall-Street-Legende Warren Buffett: Der Durchgriff der Unternehmer und die größere Unabhängigkeit des Managements vom Kapitalmarkt seien Voraussetzungen für langfristigen Erfolg. Wie bei Buffett gilt für Google, dass Eigensinn und Erfolg bestens zusammenpassen. Die rebellischen Googler erbringen nämlich eine Spitzenleistung: 347 Mio. Dollar Gewinn bei einer Mrd. Dollar Umsatz.

Neue Ära

Ein klares Signal für eine neue Ära - im Internet wie im Kapitalmarkt: zurück zur Souveränität des Individuums - ob User oder Unternehmer. Die Auswüchse der 90er, in denen Finanzdienstleister teilweise zu Manipulatoren mutierten und das Finanzierungsinstrument Kapitalmarkt sich zum aktiven Beeinflusser aufspielte, zeigen, dass die externe Kontrolle zu kurz gekommen und der Anpassungsdruck zu weit gegangen ist. Immer mehr Unternehmen gehen daher neue Wege der Geldbeschaffung: Der Private Equity Markt wächst fast überall - Ausnahme Österreich. Der Vorteil: (Kern-) Aktionäre mit expliziten Erwartungshaltungen verhalten sich laut Buffett "nicht wie Schafe, sondern wie intelligente Eigentümer" und halten idealerweise dem Management den Rücken frei. Mit hohem Wert:

1 Selbstbestimmung eröffnet Handlungsspielraum: Wer jenseits des Mainstreams langfristige Strategien "gegen den Strich" entwickelt, will nicht kurzfristig mit empfindlichen Sanktionen durch sinkende Börsenkurse rechnen müssen. Unkonventionelle Unternehmen - von Google bis Tchibo - und Entscheidungen wie das bewusste Festhalten an vorübergehend wachstumsarmen Geschäften oder der Einstieg in Bereiche, die vordergründig nicht werthaltig sind - brauchen unternehmerische Weitsicht, Mut und Freiheit.

2 Selbstbestimmung macht innovativ und kreativ: Unstrittig ist, dass funktionierende Kapitalmärkte die notwendige Basis für Investitionen in innovative Technologien bilden. So will sich auch Google für die anstehenden "search wars" wappnen. Wahr ist aber auch, dass nicht Kapital, sondern primär die Einstellung die Innovationskraft beflügelt. Nur wer den Spielraum hat, Selbstverständliches infrage zu stellen, wird kreativ.

3 Selbstbestimmung schafft Verantwortung - für langfristige Ergebnisse und Arbeitsplätze: Über 110.000 Arbeitsplätze wurden von den eigentümergeführten Europe's 500 geschaffen. Besonders in Familienunternehmen, die 68 Prozent der Arbeitsplätze verantworten, wird durch Stabilität und Kontinuität langfristiger Erfolg erzielt. Vorausgesetzt, alte Erfahrungen verhindern keine neuen Einsichten. Nirgendwo wird der Wert von Selbstbestimmung und Leidenschaft, Großes zu vollbringen, besser greifbar als in den berühmten Worten des Marquis de Posa aus Schillers "Don Carlos": "Ich kann nicht Fürstendiener sein! Ein Federstrich von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit!" Diese Einsichten der Aufklärung teilt auch Google: "Ich will nicht Analystendiener sein!"

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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    foto: derstandard.at
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