Flugverkehr durchs Nadelöhr

11. Februar 2005, 15:34
1 Posting

Der Prager Flughafen war dem neuen Ansturm auf die tschechische Hauptstadt zunächst nicht gewachsen. Große Pläne und Investitionen zur Behebung der Engpass-Situation sind teils schon auf dem Weg.

Prag boomt wie nie. Seit der "samtenen Revolution" am 17. November 1989 stieg die Zahl der Besucher der Goldenen Stadt an der Moldau fast auf das Vierfache. 1989, vor und kurz nach der Wende, besuchten 30 Millionen Menschen die tschechische Republik - 2003 zählte man schon über 110 Millionen Besucher. Gut 40 Prozent davon gehen auf das Konto der Hauptstadt.

Flughafen-Ausbau lässt auf sich warten

Nicht nur Hotellerie und Gastronomie mussten sich darauf einstellen, auch der Prager Flughafen Ruzyne musste dem Ansturm standhalten. Gelungen ist das bis dato noch nicht so gut: 7,4 Millionen Fluggäste wurden im Vorjahr auf dem Airport, 20 Kilometer nördlich von Prag, abgefertigt. Vor allem während der Hauptverkehrszeiten morgens, mittags und abends kam es häufig zu Engpässen und Verspätungen, manchmal sogar zu chaotischen Zuständen. Der Grund: Der Flughafen platzt immer noch aus allen Nähten - obwohl die Flughafen-Betreibergesellschaft seit Jahren damit beschäftigt ist, den Airport schrittweise auszubauen.

Lange war der Großumbau schlicht nicht finanzierbar, weil es nicht gelang, potente Investoren aufzutreiben. Das änderte sich im Vorjahr schlagartig: Die Europäische Investitionsbank (EIB) gewährte die ersehnten Kredite und Garantien. Ganz vorne mit dabei ist auch eine österreichische Bank: Die BA-CA übernahm gemeinsam mit der EIB die Kofinanzierung für den Flughafenausbau.

Drei Terminals

Der Flugverkehr wird in Prag über drei verschiedene Terminals abgewickelt. Den größten Teil des internationalen Charter- und Linienverkehrs hat das Nordterminal zu bewältigen. Die beiden Südterminals teilen sich auf Staatsflüge und die Privatluftfahrt auf. Bis Ende 2005 soll um zehn Milliarden Kronen (umgerechnet 305 Millionen Euro) eine neue Abfertigungshalle errichtet werden - anders sind die Zuwächse nicht mehr zu bewältigen.

Vor allem was Osteuropa-Destinationen betrifft, ist Prag-Ruzyne gut im Geschäft. Der "Home-Carrier", die staatliche tschechische Fluggesellschaft CSA, erzielte als Teil der "SkyTeam-Allianz" (Air France, Delta Air Lines, Aéromexico und Korean Air) im Vorjahr Rekordergebnisse. 3,6 Millionen Fluggäste wurden 2003 von CSA befördert, das war eine Steigerung um 17,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Steigerungen sind vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, dass sich die CSA zunehmend auf das Russland-Geschäft konzentriert. Seit März 2004 werden die russischen Städte Samara und Jekaterinenburg angeflogen, neu aufgenommen in das Programm wurden auch Krakau (Polen), Baku (Aserbeidschan) und Cluj (ehemals Klausenburg in Rumänien).

Noch billiger

Auch die "Low cost Carrier" haben sich mittlerweile in Tschechien etabliert - etwa als Drehkreuz zwischen Warschau und Bratislava, aber auch als Verbindung nach Kiew fliegen Billigflieger wie SkyEurope, Go oder "Exoten" wie die ukrainische Linie Aerosvit. Durch das Geschäft mit dem Osten mussten die Billig-airlines ihre Preise nochmals nachlassen - anders können sie bei dem niedrigen Lohnniveau in Tschechien und Polen nicht bestehen.

Gescheitert ist dagegen der irische Billigflieger Ryanair. Die Gesellschaft wollte nicht den zivilen internationalen Airport Ruzyne, sondern den Militärflughafen Bozi Dar, 40 Kilometer von Prag entfernt, zu ihrem Mitteleuropa-Drehkreuz umgestalten. Man plante groß: Sogar ein neuer Flughafen mit Geschäften und einem Terminal für internationalen Güterumschlag sollte gebaut werden - doch die Verhandlungen mit der tschechischen Treuhandbehörde scheiterten. Warum, wurde zunächst nicht bekannt - den ausländischen Investoren sei offenbar "der Geduldsfaden gerissen", schrieb damals die Tageszeitung Mlada fronta dnes. Das kann gut sein, eine Extraportion Geduld braucht es immer noch bei Verhandlungen mit tschechischen Behörden.

Einfallsreich

Die Tschechen selbst sind nicht gerade für Langmut berühmt - zumindest nicht die tschechischen Piloten. Als im Mai des Vorjahres das Flughafenpersonal in Tel Aviv in einen Bummelstreik trat und sich weigerte, die Passagiere einzuchecken, flog ein Pilot der CSA einfach wieder nach Hause nach Prag - ohne Passagiere. (Petra Stuiber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.05.2004)

Share if you care.